Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 2
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39656/16/
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Das Natur - Erh ab en e. 
Donner des Gewitters, der Sturz der Lawinen, der Fall grosser 
Ströme ‘sind ein Erhabenes in der Bewegung. 
2. Die idealistischen Systeme sprechen neben dem Erhabenen 
der Kraft auch von einem Erhabenen des Raumes und der Zeit. 
Allein der leere Raum^ die leere Zeit sind beide kein Erhabenes ; 
sie werden es erst durch ihre Erfüllung oder durch ihre Gränzen- 
losigkeit oder durch ihre Wirkungen, insofern sie in all diesen Be¬ 
ziehungen sich als Bewahrer unermesslicher und gewaltiger Kräfte 
dem Menschen gegenüber darstellen. So ist die dunkle Nacht nur 
erhaben, wenn sie zugleich als die Bewahrerin von Mächten gilt, die 
in dieser Dunkelheit als unerforschlich und als unermesslich gelten; 
so ist der Sternenhimmel ein Erhabenes, weil dieser gränzenlose Raum 
zugleich von Welten mit ungeheuren Kräften erfüllt vorgestellt wird. 
Zimmer mann sagt richtig (I. 721): »Der Schlummer der in der 
»Tiefe des Meeres ruhenden gewaltigen Kräfte ist es, der das ruhende 
»Meer so erhaben macht.« Aehnlich sagt Solger (Erwin S.«87): 
»Schweigen kann erhaben sein, wegen der nicht entwickelten Kraft.« 
Es ist die Kraft in der Ruhe, die Fr. v. Schlegel für das Schönste 
erklärt. 
3. So erscheint der Zeitablauf von Jahrtausenden als ein Erha¬ 
benes nur, wenn er als eine Macht gefasst wird, der kein Werk des 
Menschen und kein lebendes Wesen auf die Länge widerstehen kann. 
Nur deshalb sind die Ruinen von Theben, die Campagna von Rom 
ein Natur-Erhabenes; sie sind das Bild der gewaltigen alles zerstö¬ 
renden Macht derZeit, Ebenso sind die Pyramiden Aegyptens neben 
ihrer Gi össe auch deshalb erhaben, weil sie der zerstörenden Macht 
der Zeit seit Jahrtausenden getrotzt haben, mithin eine gleich erha¬ 
bene Gegenkraft darstellen. Es ist falsch, wenn Vischer*die Erha¬ 
benheit des »ewigen Juden« aus der unendlichen Fortdauer seines 
Lebens überhaupt ableitet. Das Erhabene desselben liegt vielmehr 
darin, dass er sterben will und nicht kann. Er ist ein Bild jenes 
Verlangens der Seele, aus dem Fesseln des Ichs heraus in das Ge¬ 
fühl des Vergehens seiner selbst einzutreten; er isk das Bild eines 
Menschen, der übersättigt von dem Leben nach dem Aufgehen in das 
Ewige verlangt, das Bild jenes furchtbaren Zwiespaltes in der Seele, 
wenn sie auf ewig an das Selbstische, an die Lust des Lebens fest¬ 
gebannt, ihr anderes Theil, das Vergehen in das Erhabene, was hier 
der Tod ist, nicht erreichen kann. Dieser Kampf wird erhaben durch 
das Uebermenschliche, zu dem das dichterische Bild des Juden ge¬ 
steigert ist. 
4. Das Erhabene tritt auch in der organischen Welt überall
        

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