Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/99/
84 
Das Beale. 
auf gleicher Stufe mit dem Realen der Natur und der Geschichte. 
Beide, als ein Reales, bilden nur die Unterlage für das Schöne; um 
ein Schönes zu werden, müssen beide die gleiche Umwandlung er¬ 
fahren; beide müssen aus einem Realen in ein Bild desselben sich 
verwandeln und durch Idealisirung gereinigt werden. Ohne solche 
Umwandlung ist der Inhalt der Religion so wenig ein Schönes, wie 
die Pflanzen und die Thiere in der Natur und wie die Menschen und 
ihre Thaten in der Geschichte. Die Kunst hat deshalb zu dem Inhalte 
der Religion dieselbe Stellung, wie zur Natur und Geschichte. 
33. Für die Philosophie haben aber Religion und Kunst in¬ 
sofern eine Verwandtschaft mit einander, als der Inhalt der Religion 
ebenso wie die Werke der Kunst aus dem schöpferischen Denken des 
Menschen hervorgegangen sind, und dieses schöpferische Denken in 
beiden durch die Gefühle in seinen Bildungen geleitet worden ist. Beide 
unterscheiden sich in dieser Beziehung nur dadurch, dass bei der 
Religion das schöpferische Denken im Dienst der realen Gefühle 
gestanden hat, bei der Kunst aber nur im Dienst der idealen. Die 
Kunst hat sich deshalb in ihren Bildungen eine Freiheit bewahrt, 
welche der Religion fehlt. Die Kunst weiss, dass ihr Werk, ihr In¬ 
halt kein Wirkliches ist, sondern nur Bild; die Religion weiss das 
nicht, und hält ihr Werk, ihren Inhalt für ein Wirkliches. 
34. Die Kunst in ihrer Freiheit von realen Gefühlen, bewahrt 
sich den Ueberblick über den ganzen reichen Inhalt der Welt und 
der Seele und zieht alle Gefühle und alle Elemente, in denen sie sich 
äussern, in ihr Bereich ; die Religion wird in ihrer Unfreiheit nur von 
den realen Gefühlen bald der Furcht, bald der Lust und bald wieder 
der Verläugnung des Ich’s und der Hingabe an ein Erhabenes be¬ 
stimmt. Ihre Bildungen dienen deshalb nur diesen Gefühlen, bleiben 
einseitig und entbehren der Vollendung und Idealisirung des Kunst¬ 
werkes. 
35. Für den Gläubigen ist dagegen die Kunst etwas durchaus 
Anderes als die Religion. Der Inhalt der Religion ist ihm das Wirk¬ 
liche, im höchsten Sinne; das Erhabene, dessen Gebote als solche zu¬ 
gleich die Quelle der Sittlichkeit sind. Jeder Inhalt der Religion, auch 
der kleinste, ist ihm ein wahrer, so gewiss, wie das Sein seiner sell L 
Die Werke der Kunst, selbst wenn sie einen religiösen Inhalt hat i, 
sind ihm dagegen nur dies Bild seines Gottes und dessen Wirks/1 i- 
keit; nicht dieser selbst. Der Gläubige gestattet dem Künstler e e 
freie Composition und Idealisirung des religiösen Stoffes wie bei c a 
Stoffe der Natur und der Geschichte und er folgt ihm in dieser E - 
Wicklung. Durch diese Bilder des Erhabenen werden seine Gefii e
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.