Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/97/
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Das Beale. 
and die Feste, die Hochzeiten und die Taufen, die Krönungen und 
Siegesfeiern. 
25. Zu dem Realen gehört auch ferner alles sittliche Handeln; 
die Bildungen der Moral und des Rechts; das Ëigenthum und die 
Verträge; die Ehe und die Familie; die Kirchen und die Staaten; 
die Vereine zur Hülfe und Bildung ; die Universitäten und Akademien. 
» 
Weiter gehört zu dem Realen für jedes Volk das, was seine Religion 
über das Wesen und die Wirksamkeit der Gottheit lehrt; die guten 
und die bösen Geister, das Leben nach dem Tode mit seiner Seligkeit 
im Himmel und seinen Strafen in der Hölle. Endlich alles, was der 
weltliche Glaube eines Volkes über Vorzeit und über Natur und 
Menschheit in bunter Weise bestimmt und festhält. 
26. Eine.besondere Schwierigkeit erwächst dem Künstler aus 
dem Schwanken des Glaubens innerhalb der verschiedenen Klassen 
einer Nation. Ein religiöser Inhalt, wie die Eigenschaft Christi, als 
Sohn Gottes, oder seine Wunder können von einem grossen Theile 
des Volkes noch geglaubt werden, während dieser Glaube von den. 
Gebildeten bereits verlassen ist. Indem sein Werk dem ganzen Volke als 
ein Schönes gelten soll, ist für solchen religiösen Inhalt dies unmöglich. 
Auch in dem weltlichen Glauben treten diese Schwierigkeiten hervor. 
Aus ihnen entspringt ein Theil der Vorwürfe, welche der Gegenwart 
wegen-ihrer Prosa gemacht werden. Der Künstler muss sich hier 
nach dem Glauben des Theiles der Nation richten, für den sein Kunst¬ 
werk zunächst bestimmt ist. 
27. Die hier gegebene Entwicklung des Begriffes des Realen 
enthält die Lösung des Streites über Stellung der Religion und • der 
Philosophie zur Kunst. Hegel hat darin grosse Verwirrung ange¬ 
richtet. Nach ihm haben die Religion, die Kunst und die Philosophie 
denselben Inhalt;, das Absolute ist der Gegenstand ihrer aller; der 
Unterschied soll nur aus der Form horvorgehen, in der sie das Abso- • 
lute bieten. Die Religion thut dies nach Hegel in der Form der Vor¬ 
stellung; die Kunst in der Form der sinnlichen Erscheinung; die 
Philosophie in der Form des reinen Gedankens. Nur diese letzte 
Form soll dem Inhalt wahrhaft angemessen sein; deshalb nimmt die 
Philosophie die höchste Stufe ein; die Religion ist nur ein Noth 
helf, weil nicht Alle das Absolute in der Form des Gedankens zu • 
fassen im Stande sind und die Kunst hat nur einen vorübergehem i 
Werth; sie ist bestimmt, in die Philosophie aufzugehen, wie dies de i 
zum Theil schon in der Gegenwart geschehen sein soll, da die Ku ; 
jetzt nicht mehr die Bedeutung habe, wie in früheren Zeiten. 
28. Zimmermann hat bereits darauf aufmerksam gemacht, ;
        

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