Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/63/
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Die Auffindung des Begriffes des Schönen. 
4. Die Auffindung der Elemente des Schönen würde die Kräfte 
eines Einzelnen weit übersteigen, wenn nicht bereits vor ihm viele 
ausgezeichnete Männer die gleiche Aufgabe verfolgt und die Wege 
gebahnt hätten. Dadurch ist bereits ein Vorrath wichtiger Bestim¬ 
mungen gewönnen, an welche angeknüpft werden kann, und es sind 
die Abwege erkennbar geworden, welche die Untersuchung zu ver¬ 
meiden hat. Nur dadurch wird es den Spätem möglich, der Wahr¬ 
heit näher zu kommen, als es den Vorgängern gelungen ist. 
5. Das Prinzip der Beobachtung führt nur nach langen Be¬ 
trachtungen und Untersuchungen des einzelnen Schönen, nach einer 
abwechselnden Benutzung des Wahrnehmens und Denkens, des Tren¬ 
nens, Vereinens. und Beziehens des gegebenen Stoffes und nach Ver¬ 
gleichen des Gefundenen mit den Auffassungen Früherer allmählig zu 
festen Ergebnissen, welche die Probe bestehen und als die Wahrheit 
sich herausstellen. Diese jahrelangen Arbeiten können hier nicht 
vorgeführt werden; die realistische Wissenschaft kann nur die ge¬ 
wonnenen Ergebnisse bieten, welche damit allerdings ihren Zusammen¬ 
hang mit den Wegen ihrer Auffindung verloren haben und damit den 
Schein willkürlicher Voraussetzungen annehmen. 
6. Allein die aus der Beobachtung des Seienden sich aufbauende 
Wissenschaft hat an dem einzelnen Schönen und dessen Heranziehung 
zur Verdeutlichung und Bestätigung der aufgestellten Begriffe und 
Gesetze ein Mittel, ihre Sätze zu beweisen, was den auf andern Prin¬ 
zipien errichteten Systemen abgeht; wozu diese wenigstens nicht be¬ 
rechtigt sind, wenngleich sie davon den ausgedehntesten Gebrauch 
machen. Nur das beobachtende Verfahren ist hier folgerecht 
7. Indem es das einzelne Schöne als die Quelle seiner Begriffe 
und Gesetze offen anerkennt, giebt es dem Gegner zugleich die Mittel, 
diese Begriffe an dieser Grundlage zu prüfen und wo sie das Falsche 
enthalten, zu widerlegen. Kein anderes System bietet einen solchen 
gemeinsamen Ausgangspunkt der Verhandlungen und eine solche Mög¬ 
lichkeit Streitpunkte zu erledigen und eine Uebereinstimmung herbei¬ 
zuführen. Alle Systeme, welche mit dem reinen Denken beginnen, 
entbehren der Bestimmtheit ihrer Begriffe und des gemeinsamen Bodens 
für den Streit;-jeder ficht nur gegen einen Nebel, hinter den si< 
der Gegner verbirgt; eine Vereinigung ist unmöglich. 
8. Wenn in der oben bezeichneten Weise eine ausdauernde B 
trachtung des einzelnen Schönen sowohl in 4er Kunst wie in der Nati 
erfolgt, so tritt zunächst jene allgemeine Bestimmung hervor, welch 
die Bildlichkeit des Schönen genannt werden kann. Schon Ar 
stoteles hat die »fufajmç* in seiner Definition des Schönen vorar
        

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