Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/62/
Die Auffindung des Begriffes des SchSnen. 
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EL Der Begriff des Schönen. 
A. Die Auffindung des Begriffes. 
1. Wenn''nach dem Prinzip dieses Werkes der Begriff des 
Schönen und die in ihm geltenden Gesetze vermittelst der Beobach¬ 
tung und Betrachtung des einzelnen, vorhandenen Schönen gewonnen 
werden sollen, so stösst das Unternehmen gleich im Beginn auf eine 
Schwierigkeit eigenthümlicher Art. Das Schöne ist nur ein Theil des 
Seienden; um es von dem Nichtschönen neben ihm zu unterscheiden, 
bedarf man schon des Begriffes des Schönen und doch soll dieser erst 
durch die Betrachtung des einzelnen Schönen gefunden werden; ein 
Unternehmen, was sich im Kreise dreht 
2. Diese Schwierigkeit ist indess nur scheinbar. Allerdings 
muss im Beginn der Untersuchung bei der Trennung des Schönen 
von dem Nichtschönen die gewöhnliche Meinung zu Grunde gelegt 
werden und die Betrachtung muss sich zunächst auf das richten, was 
die allgemeine Stimme für schön erklärt. Allein dies ist nur eine 
vorläufige Annahme. Bei der Untersuchung dieses Schönen treten 
bald Bestimmungen hervor, welche selbstständiger und allgemeiner 
Natur sind, und welche sich als solche ergeben, worauf die gewöhn¬ 
liche Meinung die Schönheit des Gegenstandes stützt, wenn sie auch 
diese Bestimmungen für sich und in ihrer Absonderung nicht kennt. 
3. An diesen selbstständigen Elementen gewinnt die Untersu¬ 
chung bald einen festen Halt; sie zeigen sich als ein von der Sinnes¬ 
und Selbst-Wahrnehmung Erfassbares und durch die seiende und 
der Beobachtung zugängliche Natur dieser Elemente erhält die Unter¬ 
suchung eine gegenständliche, von der blossen Meinung unabhängige 
Unterlage. Es wird dadurch möglich, den Begriff des Schönen aus 
den seienden Elementen desselben zu bestimmen und selbst die 
gewöhnliche Meinung zu berichtigen. Die Meinung über das Schöne 
ist somit nur der Wegweiser zur Auffindung der Elemente des Schönen; 
aber nicht die Grundlage des entwickelten Begriffes. Aehnlich wird 
in der Botanik mit dem begonnen., was die gewöhnliche Meinung 
für Pflanze nimmt; im Fortgänge kommt dennoch die Wissenschaft 
in den Stand, den Begriff der Pflanze und ihrer Arten, unabhängig 
von dieser Meinung, aus der Natur ihres Gegenstandes zu bestimmen.
        

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