Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/61/
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Dm verzierende SchOne. 
realen Welt, welche als das Werk des allmächtigen Gottes gilt, erhebt 
sich diese Welt des Schönen als das Werk des Menschen. Die reale 
Welt reicht nicht zu, das Sehnen des menschlichen Herzens zu stillen; 
oft glaubt der Mensch in ihrem Dunst zu ersticken, und so flüchtet 
er, so oft er kann, in das von ihm geschaffene Reich des Schönen. 
7. In dieses hat dér Mensch alles Grosse, Seelenvolle, Freudige, 
was die reale Welt nur stückweise, zerstreut und getrübt bietet, in 
gereinigter Art aufgenommen und zu freien, vollen, einheitlichen Ge¬ 
staltungen verbunden. In diesem Reiche des Schönen fühlt sich der 
Mensch seinem Gotte gleich; frei, gleich diesem, erschafft er das 
Schöne aus sich und, gleich diesem, bleibt er frei in dessen Genuss. 
8. In dieses Reich des Schönen wird alles Grosse und Seelen¬ 
volle, was in der realen Welt mühsam im Laufe von Jahrhunderten 
zu Stande gebracht und wieder zerstört worden ist, in reinen und 
doch sinnlichen Formen für die Ewigkeit aufbewahrt. Das Schöne 
macht es durch seine Sinnlichkeit möglich, dass der Mensch von dem 
Grossen und Freudigen nicht bloss eine Kenntniss erhält, sondern dass 
er es in seinen Gefühlen und Empfindungen noch einmal als ein Gegen¬ 
wärtiges durchlebt. Alles Grosse und Freudige der Natur und der 
Geschichte wird in diesem Reiche des Schönen zu einem ewig Gegen¬ 
wärtigen und Unvergänglichen umgewandelt; jedes neue Geschlecht 
durchlebt in ihm noch einmal die Vergangenheit. Was die Natur in 
grossen Ereignissen geboten, was die Völker in Jahrtausenden Er¬ 
habenes und Werthvolles geleistet, das erhält-die Kunst, drängt 68 
zusammen und bietet es jedem neuen Geschlecht zu neuem Genuss. 
9. Die Welt des Schönen ist deshalb ebenso, wie die Welt des 
Realen, es werth, den Gegenstand der Wissenschaft zu bilden. Indem 
diese Wissenschaft des Schönen dabei nach denselben Grundsätzen 
sich aufbaut, wie die Wissenschaft der realen Natur, wird sie selbst zur 
Wissenschaft einer zweiten Natur, des idealen Seins, und ist im 
Stande, die gleiche Bestimmtheit der Begriffe und die gleiche Festigkeit 
ihrer Gesetze wie jene zu erreichen. Es wird nun die Aufgabe dieses 
Werkes sein, diesen hier voraus eilenden Andeutungen die wissen¬ 
schaftliche Entwicklung und Begründung zu geben.
        

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