Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/5/
IV 
Vorwort. 
türlich, dass der Unterschied von Sein und Wissen bei ihm all- 
mählig immer dünner werden und zuletzt ganz verschwinden muss. 
Die Beziehungsformen, welche nur dem Wissen angehören, insbeson¬ 
dere die Kategorien der Erzeugung und Entwicklung, erhalten in ihm 
die Natur seiender Bestimmungen ; die Einheit wird über die Mannich- 
faltigkeit gestellt und eine Gränze des Wissens wird nicht anerkannt. 
In dem Bestreben, das Mannichfaltige in die höchste Einheit zurück- 
zuftthren, wird selbst der Widerspruch herbeigeholt und zuletzt zum 
Kennzeichen aller Wahrheit erhoben. Das Sein hat sich in diesem 
System dem Wissen unterzuordnen und ein Sein, was der dialektischen 
Bewegung des Denkens sich nicht fügen will, wird als ein Werthloses 
und Unwirkliches bei Seite geschoben. 
Der Realismus dagegen, welcher das Sein nur mittelst der 
Wahrnehmung erreichen zu können glaubt, wird an dem Unter¬ 
schiede von Sein und Wissen, als einem unüberwindlichen festhalten 
und letzteres dem erstem unterordnen. Er sondert die reinen Bezie¬ 
hungen des Denkens von den Begriffen des Seienden. Die Erzeugung 
des Einen aus dem Andern ist. für ihn kein seiender Vorgang; die 
Unterschiede sind ihm unvertilgbar und das Ursprüngliche; es giebt 
keine Entwicklung des Einen aus dem Andern, weder im Sein noch 
im Wissen. Der Widerspruch ist ihm das ausnahmslose Zeichen der 
Unwahrheit; die Einheit ist nicht die Aufhebung, sondern nur die 
Verbindung der Unterschiede. Das Allgemeine kann nur durch In¬ 
duktion gefunden werden und das Wissen des Menschen hat seine 
Schranken, jenseit deren noch ein'mannichfaches, dem Menschen un¬ 
erreichbares Sein bestehen kann. 
Der Idealismus war von jeher das Schoosskind der Philosophie; 
es schien so niedrig, so gemein, sich mit jedem Bauer und Bettler 
des gleichen Instrumentes, d. h. der Wahrnehmung, zur Erkenntniss 
der Dinge zu bedienen; die Philosophie musste etwas vor dem ge¬ 
sunden Menschenverstände voraus haben; so erfand man den Gegen¬ 
satz von Verstand und Vernunft. Mit Kant gelangte der Idealismus 
zum vollen Bewusstsein seiner selbst; in dem Systeme Hegel’s hat 
er seinen Gipfelpunkt erreicht 
Der Realismus dagegen ist in seiner philosophischen Ausbildung
        

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