Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/350/
Der Werth de» Sinnlich-Angenehmen. 
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die Plastik noch zu der Dichtkunst hinzu ; aber ein grosser Tbeil des 
Unterschiedes entspringt dabei aus dem Hinzutritt sinnlich-angenehmer 
Elemente. Aehnliches zeigt das Lesen der Partitur gegen das Hören 
des Musikstücks und das Betrachten des Kupfertichs gegen das Sehen 
des Gemäldes. 
2. Das Sinnlich-Angenehme im Schönen überbrückt gleichsam 
die Kluft, welche zwischen der realen und idealen Welt besteht. In¬ 
dem es aus den Sinnes-Nerven entspringt, unterscheidet es sich da¬ 
mit von den gröbern sinnlichen Lustgefühlen; es ist feinerer Natur 
und gränzt an die rein idealen, nur durch das Bild oder Bedeutende 
erweckten Gefühle. Man kann zweifeln, ob der reale Genuss des Sinn¬ 
lich-Angenehmen sich mit den idealen Gefühlen verbinden und dieselben 
stärkend und kräftigend durchdringen könne. Allein in Wirklichkeit 
bestehen bei der fliessenden Natur der Seele diese Gränzen nicht in der 
Schärfe, wie sie das Wissen zieht ; es kann ein allmähliger Uebergang 
aus dem Realen zu dem Idealen eines Gefühls statt haben. Man kann 
eine Schüssel mit reifen Pfirsichen und Trauben zunächst mit Be¬ 
gehren, mit Appetit betrachten und allmählig durch Zurückdrängung 
dieses Begehrens die reale Freude in die ideale an der Schönheit 
jener Früchte umwandeln. 
3. Beide Arten der Gefühle stehen sich also nicht so fremd 
gegenüber, als es nach ihren Begriffen den Anschein hat. Daraus er¬ 
klärt sich das unvertilgbare Bestreben der Kunst, ihre Werke mit diesen 
sinnlichen Elementen zu schmücken. Auch bei dem Naturschönen 
menschlicher Werke, insbesondere bei der Kleidung, ist der Ein¬ 
fluss dieses sinnlichen Elementes erkennbar. Der Glanz der Edel¬ 
steine, des Goldes, die tiefe Farbe des Purpurs, das sinnlich Reizende 
des Faltenwurfs, die weichen elastischen Seiden- und Sammet-Stoffe 
siüd weniger durch ihre ideale Schönheit als durch ihren sinnlichen 
Reiz der Kleidung hinzugetreten. 
4. Die sinnlich-angenehmen Elemente des Schönen sind in der 
Regel das Erste, was den Beschauer bei der Wahrnehmung des 
Schönen erfasst, festhält und zu dem idealen Genuss des Schönen 
überleitet. Sie gleichen dem Weihrauch des katholischen Kultus; 
welcher zunächst den Eintretenden umhüllt, der Aussenwelt enthebt 
und so für das Höhere und Göttliche vorbereitet Das Sinnlich-Ange¬ 
nehme hält Viele bei dem Schönen fest, die ohnedem an ihm gleich¬ 
gültig vorübergehen würden. Der Knabe beginnt an diesem Theile 
des Schönen seine Erkenntniss und seinen Genuss, und noch der
        

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