Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/319/
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Die Gr&naen der Idealisinmg im Sittlichen. 
Schöne, als solches, sondern ist nur die Folge einer unzulässigen Aus¬ 
dehnung der Regeln der Sittlichkeit auf Gebiete, wo sie selbst inner¬ 
halb der realen Welt keine Geltung haben. Es ist oben (S. 139) ge¬ 
zeigt worden, dass, wenn das Sittliche für den Menschen aus der 
übergrossen Macht der Autoritäten hervorgeht, es für diese Autori¬ 
täten selbst keine Geltung haben kann, dass deshalb die Bewegung 
der Geschichte, die grossen Unternehmen der Völker und Fürsten, 
ebenso wie das Verhalten der Gottheiten ausserhalb der Moral stehen 
und nach ihren Regeln weder gelobt noch getadelt werden können. 
Zu diesen Autoritäten kann nach Beschaffenheit des religiösen und 
weltlichen Glaubens auch das Fatum (Moipa) hinzutreten; da, wenn es 
auch keine Gebote erlässt, es doch eine Macht darstellt, welche selbst 
über den Göttern steht. 
8. Insoweit nun das Handeln dieser Autoritäten als Stoff in 
das Schöne aufgenommen wird, kann die Bewegung, der Kampf und 
die Lösung, wie sie das Kunstwerk bietet, nicht unter die Begriffe 
der Moral gestellt und nicht verlangt werden, dass der Ausgang den 
Geboten der Sittlichkeit entsprechend sich regle und die Geltung der 
Moral in diesen Gebieten zur Darstellung bringe. Wenn die Moral 
und das Recht hier in der Wirklichkeit nicht gilt, so kann niAit ge¬ 
fordert werden, dass die Kunst es in diesem Gebiete für ihre Welt 
einführe. Nur die falsche Ansicht von der unbeschränkten Geltung 
der Moral kann zu solcher Forderung verleiten. 
9. Deshalb zeigen auch die grossen epischen und dramatischen 
Dichtungen einen Fortgang und eine Lösung, welche mit den sitt¬ 
lichen Regeln sich nur selten vereinigen lässt. Je älter oder je werth¬ 
voller die Dichtungen sind, desto entschiedener lassen sie in diesen 
Kämpfen der Autoritäten die Moral bei Seite ; nur in spätem Werken 
•findet sich ein Schwanken, weil die Dichter, durch die herrschende 
Lehre irregeführt, glaubten, ihren Stoff in diesem Sinne, selbst gegen 
die Geschichte verändern zu müssen. 
10. So bieten schon die berühmten Gemälde von Raphael un<} 
andern grossen Meistern Scenen aus der christlichen Märtyrerge¬ 
schichte, welche aller Menschlichkeit von Seiten der Staatsgewalt Hohn 
sprechen, ohne dass in dem Gemälde dem verletzten sittlichen Gefül ' 
irgend eine Genugtuung gewährt wird. Ebenso ist der Kampf d 
Griechen gegen die Trojaner, der Stoff für die Diade und Aenei 
nur durch das Unrecht eines Einzelnen veranlasst; trotzdem gehe 
Tausende von Unschuldigen in diesem Kampfe der Völker zu Grund 
ohne dass eine sittliche Sühne in dem Epos erfolgt. Noch wenig 
stimmt das Handeln der griechischen Götter mit der Moral der Griechei
        

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