Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/293/
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Die Idealisirung in den bildenden Künsten. 
mildert, im Leben ahgetroffen wurde, da bildete sich daraus ein Ele¬ 
ment und ein Maassstab des Schönen. 
17. Ein Theil des griechischen Ideals mag auch durch eine Ver¬ 
knüpfung seelenvoller Theile, die zuerst innerhalb der Phantasie des 
Künstlers sich vollzog, gewonnen sein. Es liegt dies in der Freiheit, 
welche jeder Idealisirung zu Grunde liegt. Aber jede solche zunächst 
in der Phantasie gebildete Gestaltung wird unzweifelhaft mit aller 
Vorsicht an den vorhandenen realen Gestalten geprüft worden sein, 
ehe sie zum typischen Zug des Ideals erhoben wurde. Auf diese 
Weise kann das griechische Ideal der Menschengestalt mit Recht als 
das Werk der Künstler gelten, obgleich doch kein Theil an ihm ist, . 
wo das seelenvolle Reale nicht das Muster, die Unterlage und den 
Anhalt geboten hat. Nur dadurch, dass die Griechen die reinigende 
und die verstärkende Idealisirung in ihrem wahren Sinn erfassten und 
vollzogen, dass sie selbst für die Freiheit dieses Theiles der künstle¬ 
rischen Thäti^keit die Schranken in dem Realen erkannten, blieben 
sie vor den Ungeheuern Indiens und vor den widerlichen symbolischen 
Verbindungen von Thier und Mensch, in die Aegypten gerathen war, 
bewahrt. 
18. Hegel trägt kein Bedenken, bei den einzelnen Theilen der 
Gestalt den Ansichten Winkelmanns zu folgen und die idealisirten 
Formen, wie sie die Griechen festgestellt haben, aus ihren Beziehungen 
auf das Seelische und auf das Gefühl abzuleiten. So war das grie¬ 
chische Profil, die beinah gerade und ziemlich senkrechte Linie von 
der Stirn bis zur Nasenspitze, sicherlich auch bei dem griechischen 
Volke eine Seltenheit. Wenn, die Künstler sie dennoch in ihr Ideal 
aufnahmen, so liegt, wie Hegel anerkennt, es darin, dass damit die 
Nase den Theilen des Antlitzes näher trat, welche dem Denken und 
den nicht sinnlichen Gefühlen angehören; die Nase wurde von der 
Einheit mit dem Munde losgetrennt, die bei den Thieren die Nase 
zur Dienerin der sinnlichen Triebe macht. 
19. In ähnlicher Weise wird die niedere Stirn, das volle Haar, 
das runde Kinn von Hegel gerechtfertigt, weil diese Formen der Ju¬ 
gend angehören und damit das Zeichen der Kraft, des erblühenden 
Lebens, der Freude sind. Dies alles ist richtig; allein doch nur An
    

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