Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/274/
Die Reinheit des Schönen. 
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göttlichen Personen nur als Bild im Bilde gelten, so fehlt die künst¬ 
lerische Abtrennung der realen Personen, des Papstes, des Bürger¬ 
meisters, welche vor dem Bilde in Andacht versinken, und diese Per¬ 
sonen sind, wie der Chor im griechischen Drama, nur Beschauer mit 
idealen Gefühlen, welche sich nicht zum Stoff eines Gemäldes eignen. 
Wahrscheinlich haben die Meister selbst zwischen diesen Auffassungen 
hin und her geschwankt, deren jede ihre Bedenken hat. Das zwei¬ 
deutige solcher Kompositionen tritt mehr hervor, wenn man damit 
Gemälde wie die Transfiguration von Raphael vergleicht, wo auch Zu¬ 
schauer und Anbetende im untern Theil des Bildes vorhanden sind, 
aber aus der Zeit, in welcher das reale Ereigniss vor sich ging. Die 
Wirkung ist hier eine tiefere und einheitlichere. 
14. So wie das Reale, was zum Stoff des Schönen dienen soll, 
sich vom Idealen rein zu halten hat, ebenso hat das Bild oder das 
Ideale sich von dem Realen rein zu halten. Daraus folgt zunächst, 
dass jedes Schöne die Täuschung von sich abhalten muss, als sei es 
sein Reales selbst. Indem das Schöne das Reale nachahmen soll, kann 
leicht die Meinung entstehen, die Nachahmung sei am schönsten, wenn 
sie von dem Gegenstände nicht unterschieden werden könne. Schon 
bei den Alten galt es als Lob des Zeuxis, dass die Vögel an seinen 
gemalten Weintrauben gepickt. Allein indem nur das Bild ideale 
Gefühle weckt, muss der Beschauer desselben wissen, dass er es nur 
mit einem Bilde zu thun habe und dieses selbst muss dafür sorgen, 
dass es mit seinem Gegenstände nicht verwechselt werden kann. 
15. Eine andere Folge jenes Gesetzes ist, dass plastische Werke 
und Gemälde nicht mit realen Kleidern und realem Schmuck behängen 
werden dürfen, dass ihnen nicht brennende Kerzen oder ein Strauss 
Blumen in die Hand gegeben werden darf. Im Kultus mag dergleichen 
zur Steigerung der realen Andacht gestattet sein; zu diesem Zweck 
geschah Aehnliches auch im alten Griechenland ; das Bild dient dann 
nicht als Schönes, sondern als Werkzeug des Kultus. Aber das Kunst¬ 
werk muss als Ideales von solcher Verbindung mit Realem sich frei 
halten ; sonst werden reale Interessen geweckt, sollte es auch nur das 
Staunen über die Kostbarkeit der Gewänder und Steine sein. 
16. Es folgt daraus weiter, dass auch alles Lebendige, was den 
Bedingungen des Schönen sich nicht voll unterordnen, kann, als Ma¬ 
terial für das Schöne nicht verwendet werden darf. Nur der erwach¬ 
sene und künstlerisch gebildete Mensch ist deshalb dazu geeignet; 
denn nur dieser vermag in der Pantomime, im Ballet und in den 
Aufführungen der Oratorien, Schauspiele und Opern sein reales 
Wesen den idealen Anforderungen der Kunst so zu unterwerfen, dass 
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