Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/272/
Die Beinbeit des Schönen. 
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Dergleichen Sachen haben höchstens den Werth des Portraits. Fiesole’s 
Engel in den Wolken, die auf der Geige spielen, sind ein Fehler, 
ganz abgesehn von dem Formhässlichen des Instruments und seiner 
Behandlung. Carlo Dolce’s heilige Cäcilie am Klavier leidet an Mattig¬ 
keit, so schön sie auch ist. 
8. Es ist derselbe Fehler, wenn Dichter das Leben berühmter 
Künstler, Dichter und Gelehrten zum Stoff ihrer Dichtung nehmen. 
Das reale Leben dieser Männer ist beinah durchgehend unbedeutend ; 
indem ihr Denken und Wirken der idealen Welt zugewendet war, 
hatte die reale Welt nur als Stoff für ihre Werke ein Interesse für 
sie, an ihren realen Zielen nahmen sie nur geringen Antheil und 
waren in Folge ihrer Geistesrichtung dazu auch selten geschickt. 
Man kann wohl Ausnahmen dagegen anführen, aber es bleiben eben 
Ausnahmen. Es ist deshalb natürlich, dass das Leben dieser Männer 
keinen hinreichend kräftigen Stoff für die Dichtung bieten kann. 
Man meint, weil diese Männer grosse ideale Werke geschaffen haben, 
müssten sie selbst ein Stoff für das Ideale sein; allein ihre idealen 
Werke kann die Dichtung nicht zum Stoff nehmen und ihr reales 
Leben ist zu dürftig. 
9. Göthe’s Tasso kann hier als warnendes Beispiel gelten. Göthe 
konnte diesen Stoff wohl in eine vollendete Form kleiden, aber der 
Inhalt, die Charaktere, die Gefühle, die Ereignisse bleiben matt und 
lassen kalt. Indem der Held in seinen realen Schwächen hingestellt 
wird, leidet der Zuschauer doppelt; das Drama lässt ihn kalt und das 
ideale Bild, was er von Tasso aus dessen Werken in sich bewahrte, 
geht zu Grunde. Dasselbe gilt von den Gemälden, wo Künstler upd 
Philosophen in Gruppen dargestellt werden. Raphael’s Schule von 
Athen und Kaulbach’s Zeitalter der Reformation leiden beide an dieser 
Kälte und geistigen Eintönigkeit. Das einzelne Standbild solcher 
Männer mag einen genügenden Stoff für den Bildhauer und Maler 
abgeben; die Beschlossenheit der Erscheinung kann da ein Bild in¬ 
nerer Ruhe und Grösse bieten; aber die Gruppirung erfordert ein 
Handeln und bietet unüberwindliche Schwierigkeiten, wie ja auch 
Ritschel’s Doppelstatüe von Göthe und Schiller zeigt. 
10. Derselbe Mangel tritt in dem Chor der alten griechischen 
Dramen hervor. Der Chor schwankt zwischen der Rolle mitspielender 
Personen und der Rolle blosser Zuschauer. Als Mitspielender ist sein 
Handeln zu gering, um zu interessiren und als Zuschauer vertritt der 
Chor nur ideale Gefühle, die auf diese Weise doppelt idealisirt, ihre 
Wirksamkeit auf das Publikum verlieren. Man hat die tiefe Weisheit 
seiner Aussprüche hervorgehoben; allein näher betrachtet, ist diese 
y. Kirchmann, Philos. d. Schönen. I. 17
        

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