Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/267/
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Die Begründung der Bildlichkeit. 
wiesen. In deren Entdeckung und Beobachtung liegt zugleich der 
Reiz des Naturschönen. Auch die Wissenschaft des Schönen bedarf 
eines solchen einfachen und höchsten Gesetzes nicht. Denn da das 
Reale und das Seelenvollc für die Kunst nicht auf der vollen Wirk¬ 
lichkeit und wissenschaftlichen Wahrheit ruht, sondern auf der gemei¬ 
nen Erfahrung und auf dem Glauben, so würde jede Verknüpfung, 
welche nicht auf diesen nächsten Grundlagen ruhte, für die Kunst 
ohne Werth bleiben. Schon jetzt lehrt die Astronomie, dass die Sonne 
niemals untergeht; dennoch wird der Sonnenuntergang für die Kunst 
stets das Bild der sinkenden Kraft, der beginnenden Ruhe, des na¬ 
henden Todes bleiben. 
D. Die Entwickelung der Bildlichkeit. 
1. Die Freiheit. 
1. So wie die Bildlichkeit die erste eigentümliche Bestimmung 
des Schönen ist, so ergeben sich aus derselben auch weitere Eigen¬ 
tümlichkeiten des Schönen, deren Darlegung zur vollen Erkenntniss 
desselben erforderlich ist. Als solche Eigentümlichkeit tritt zunächst 
die Freiheit des Schönen hervor. Man hat dies auch so ausge¬ 
sprochen, dass das Schöne Selbstzweck oder Zweck in sich sei (Hegel 
X. A. 34); allein dieser Ausdruck ist so unglücklich gewählt, wie die 
Causa sui des Spinoza. Kein Ding kann zugleich Ursache und auch 
Wirkung dieser Ursache sein ; keines Mittel und zugleich Zweck dieses 
Mittels; vielmehr ist, statt solchen Widerspruchs, es besser, das was 
man meint, in natürlicher Weise offen zu sagen,' nehmlich dass diese 
Kategorien überhaupt auf das Schöne keine Anwendung finden. 
2. Dann érhellt aber, dass dieser Ausspruch zu weit geht. Das 
Schöne ist nur der realen Welt und den Verwickelungen ihrer realen 
Mittel und Zwecke enthoben; aber als Ideales hat es einen idealen 
Zweck ausser sich; es soll den idealen Gefühlen des Menschen die¬ 
nen. So wie das Wesen des Schönen auf den idealen Gefühlen ruht, 
so hat es an ihnen auch sein Ziel und seinen Zweck. Das Schöne 
soll gesehen, soll gehört, soll empfunden werden; es soll weder in 
dem Innern des Künstlers, noch in dem Innern der Erde oder eines 
Gewölbes verschlossen bleiben. Darin sind Alle einig, und indem das 
Schöne an das Licht treten, der Wahrnehmung offen stehen soll, ist 
damit anerkannt, dass der ideale Genuss seine Bestimmung ist. 
Jener Selbstzweck des Schönen ist also nicht bloss ein Widerspruch, 
sondern soweit er einen Sinn hat, auch eine Unwahrheit.
        

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