Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/250/
Die Bildlichkeit in der Dichtkunst. 
235 
und Störenden. Auch die naive Dichtung ist nicht reines Abbild, 
sondern giebt ihr Beales idealisirt. 
42. Zu den bisher dargelegten Vortheilen, welche dem Dichter 
aus seinem Materiale entspringen, tritt noch ein weiterer, der in seiner 
Bedeutung alle früheren überragt. Die Sprache macht es dem Dichter 
möglich, auch die Gedanken, die Reden, die Gespräche, sowie das 
Begehren, das Wollen und die Entschlüsse als Elemente für sein Bild 
zu benutzen. Keine andere Kunst vermag dies ; nur die Sprache bietet 
das Mittel dazu. Indem die Gedanken und Begehren und ihr unmittel¬ 
barer Ausdruck durch die Worte die nächsten Wirkungen der Gefühle 
sind; indem bei diesen Aeusserungen und bei der freien Beweglichkeit des 
Denkens und Wollens das Gefühl keine hemmenden Schranken wie bei 
dem Körperlichen zu überwinden hat, sind keine andern Elemente so 
wie diese geeignet, ein treues Bild der Gefühle zu bieten. 
43. Es liegt nahe, dieses Denken und dieses Wollen wegen 
ihrer Geistigkeit den Gefühlen gleichzustellen und mit zu dem In¬ 
halte des Schönen zu rechnen; so dass nur das Körperliche als bild¬ 
liches Element für die sinnliche Darstellung des Inhaltes bliebe. Bei 
den übrigen Künsten würde dieser Fehlgriff nicht schaden, da ihr Ma¬ 
terial nur die Darstellung von Sinnlichem gestattet; allein für die 
Dichtkunst würde damit eine grosse Verwirrung entstehen. Die Ge¬ 
danken, die Worte haben durchaus für das Schöne nicht die gleiche 
Bedeutung, wie die Gefühle, sie gehören nicht zu dem Inhalt, sondern 
nur zur Form des Schönen. So haben die platonischen Dialoge wohl 
vortreffliche, erhabene Gedanken und eine musterhafte Darstellung der¬ 
selben durch die Sprache, dennoch sind sie kein Kunstschönes, keine 
Dichtung. Die Wissenschaft, die Philosophie bietet die höchsten, die 
reinsten Gedanken in den treffendsten Ausdrücken; allein sie ist den¬ 
noch keine Poesie. _ Auch im täglichen Leben kommen eine Menge 
von Begehrungen, von Entschlüssen vor, welche mit den Gefühlen nur 
in entferntem Zusammenhänge stehen und deshalb giebt ihre Schilde¬ 
rung kein Schönes. 
44. Erst wenn die Gedanken, die Ueberlegungen, die Reden, 
die Gespräche, die Berathungen, die Entschlüsse als Ausdruck der in 
den betheiligten Personen herrschenden Gefühle auftreten, erst dann 
erhalten sie eine Bedeutung, erst dann werden sie zu Elementen des 
Seelenvollen und fähig, den Stoff für die Dichtung zu bieten. Nur 
deshalb folgt der Zuschauer den Monologen des Hamlet, des Faust, des 
Wallenstein mit inniger Theilnahme. Es ist nicht die wissenschaft¬ 
liche Wahrheit der darin ausgesprochenen Gedanken, welche ihn fes¬ 
selt; diese Wahrheit würde sein Gefühl nicht erregen, ja sie würde
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.