Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/242/
Bio Bildlichkeit in der Dichtkunst. 
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diesen zeitlichen Verlauf in den Gefühlen oder in der Umgebung 
hinzunehmen. 
20. Aus diesen Mängeln des Materials ist weiter der Gebrauch 
der Metaphern, Bilder und Gleichnisse in der Dichtkunst hervor¬ 
gegangen. Keine andre Kunst kennt diese Hülfsmittel, ja die Be¬ 
stimmtheit ihres Materials macht sie bei ihnen unmöglich. Nur in 
der Dichtkunst treibt die Unbestimmtheit und Unklarheit des Sprach- 
materials dazu. Der Zweck derselben ist lediglich, die Mängel des 
Materials «u mindern, indem auf einen ähnlichen Vorgang hingewiesen 
wird, der dieselbe bildliche Bestimmung enthält, welche der Dichter 
schildern will. Weil diese Bestimmung in dem Gleichnisse oder in 
dem bezogenen Gegenstände deutlicher und bestimmter hervortritt, 
oder weil sie hier deutlicher geschildert werden kann, oder weil die 
Hörer aus ihrer Lebensweise damit vertrauter sind, hat der Dichter 
darin ein Mittel, die Phantasie seiner Hörer leichter und richtiger zu 
leiten und ihnen sein dichterisches Bild bestimmter mitzutheilen. 
21. Jeder Gebrauch von Metaphern und Gleichnissen, der nicht 
diesem Zwecke dient, ist für die Dichtung ein Fehler. Kann der 
Gegenstand unmittelbar ebenso treffend nnd bestimmt bezeichnet wer¬ 
den, als es mittelbar durch das Gleichniss geschieht, so ist die Be¬ 
nutzung desselben ein unnützer Zusatz, welcher die Einheit und den 
Fortgang der Dichtung stört und die Aufmerksamkeit des Lesers 
zerstreut. Bei grossen Dichtern bleibt deshalb der Gebrauch der 
Gleichnisse eingeschränkt; er dient lediglich dem oben angedeuteten 
Zwecke und die Gleichnisse sind kurz. Nur schwächere Dichter ge- 
rathen auf den Abweg, die Gleichnisse selbstständig zu behandeln, in 
ihrer Ausmalung sich zu verlieren und die Dichtung dadurch zu über¬ 
laden. Deshalb hat sie Virgil mehr als Homer, Ovid noch mehr als 
Virgil. Byron hat sie mehr als Ariost nnd es kommt hinzu, dass die 
Gleichnisse bei Byron oft ebenso unbestimmt bleiben ; wie die Sache, 
und deshalb ihren Zweck völlig verfehlen. 
22. Bei Dichtern, die eine grosse Gewandtheit in der treffenden 
Bezeichnung ihrer Gedanken besitzen, sind die Gleichnisse und Meta¬ 
phern seltner. Göthe braucht sie seltner als Schiller. Auch die Ni¬ 
belungen haben selten Gleichnisse; weil dies Epos weniger malerisch 
schildert und sich mehr auf Erzählung des zeitlich Geschehenden, der 
Pläne und Unternehmen beschränkt und das Aeusserliche, wie Natur, 
Waffen, Kleider, Kosse nur kurz bietet. 
23. Obgleich hiernach die Mittel der Sprache für den Dichter 
oft nicht ausreichen, so reichen sie doch weiter, als der mittelmässige 
Dichter meint. Göthe hat Vieles noch treffend geschildert, was Anderen 
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