Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/231/
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Die Bildlichkeit in der Musik 
alles zusammengenommen, die Gefühle der Erhabenheit, so wie die der 
Liebe und Fröhlichkeit einfacher Naturkinder und ihre Erhebung in 
das Sittliche mit einer Bestimmtheit dar, die in der Oper selbst sich 
dann noch weiter entwickelt. Dasselbe gilt für die andern, von Hanslick 
angezogenen Beispiele, wenn man sie in ihrer Vollständigkeit erfasst. 
Von einzelnen musikalischen Elementen und selbst Themen und Har- 
monieen eine solche Bestimmtheit zu fordern, wäre ebenso verkehrt, 
als wenn man von einem aufgehobenen Arm allein eine solche Be¬ 
stimmtheit seiner Bedeutung verlangen wollte. Ein solcher Arm kann 
als Element für viele unterschiedene Gefühle gelten; das bestimmtere 
Gefühl erhält nur erst durch den Hinzutritt der übrigen Elemente 
der menschlichen Gestalt seine Darstellung. Dasselbe gilt für die 
vereinzelten Theile eines Musikstückes. 
22. Wenn, wie nicht bestritten werden soll, in vielen Musik¬ 
stücken eine gewisse Unbestimmtheit ihres seelischen Inhaltes besteht, 
so theilt die Musik auch dies mit den bildenden Künsten und es 
kann ihr deshalb nicht aller Inhalt abgesprochen werden. So ist das 
menschliche Antlitz für das Auge immer ein Seelenvolles, ein Spiegel 
des innern Lebens, wenn auch in vielen Fällen ein bestimmtes Gefühl, 
was sich darin wiederspiegelt, nicht* angegeben werden kann. Wie 
vielen Menschen begegnet man, deren Antlitz seelisch durchleuchtet 
ist, ohne dass man eine bestimmte Leidenschaft, einen bestimmten 
Affekt als Inhalt bezeichnen kann. Das Allgemeine oder Begriffliche 
der Gefühle, was in jedem Besondern enthalten ist, genügt, um das 
menschliche Antlitz zu einem Seelenvollen zu erheben. Gilt dies für 
das malerische Bild, so muss es auch dem musikalischen Bilde zu 
Statten kommen. Es genügt, wenn das Seelische überhaupt, wenn 
eine Unruhe, ein Schwanken, oder eine Festigkeit oder ein Sinken 
und Erlöschen des Gefühles aus ihm heraustönt, sollte aueh dieses 
Gefühl sich nicht als ein bestimmtes und scharf zu bezeichnendes 
kennbar machen. 
23. Endlich mag es richtig sein, dass manche Musikstücke auch 
nicht einmal einen Anhalt für ein solches allgemeines Seelische bieten. 
Selbst manche Sonaten und Quartett-Sätze von Mozart gehören hier¬ 
her. Vorzüglich sind es die gelehrte Musik, die Stücke im strengen 
Styl, an welchen diese Bedeutungslosigkeit hervortritt. Indem hier 
die schulgerechte und kunstvolle Behandlung und Stimmführung zur 
Hauptsache wird, müssen die ThemeD möglichst einfach gehalten 
werden. Es ist unmöglich, der Melodie hier den deutlichen Ausdruck 
eines Gefühls zu geben, wenn diese Melodie als Thema für eine vier¬ 
stimmige Fuge dienen soll. Dieser Mangel kann durch andere Vor-
        

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