Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/228/
Die Bildlichkeit in der Musik. 
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der Uebereinstimmung mit den Tönen der schmelzenden und der zur 
That treibenden Gefühle. 
13. Die Kluft zwischen dem Realen und seinem musikalischen 
Bilde ist deshalb nicht so gross, als es auf den ersten Blick erscheint. 
Auch zeigen sich in andern Künsten ähnliche Entfernungen des Bil¬ 
des von seinem Realen, zu denen die idealisirende Richtung, welche 
in jeder Kunst besteht, allmählig geführt hat. So hat die Baukunst 
für ihre Säulenordnungen gleich dürftige Vorbilder in den Tragebalken 
und Stützen des realen Hauses; ihre Gesimse, Karniese, Arabesken 
sind Bildungen, für die das unmittelbare Vorbild in dem Realen fehlt 
und die nur aus der starken Idealisirung elementarer Gebilde sich 
ableiten. 
14. So hat die Plastik in ihren Hermen, Centauren, Satyrn, 
Hermaphroditen Bildungen geschaffen, welche durch ihre starke Ideali¬ 
sirung sich von dem dafür vorhandnen Realen ebenso weit entfernen, 
wie in der Musik. Dasselbe zeigt sich bei der Malerei in den stark 
idealisirten Elementen des Helldunkels, der Kontraste, der Lufttinten, 
der Mischung von künstlicher und natürlicher Beleuchtung; in den 
phantastischen Bildungen der Gespensternder Hölle, der Hexen, der 
Unthiere u. s. w. Auch die moderne Tanzkunst hat sich von ihrem 
Realen, dem Gehen und Laufen ebenso weit entfernt wie die Musik; 
die kunstvollen Pas werden ihrer realen Unterlage kaum näher stehen, 
als die Musik ihrem Realen, und doch wird Niemand bezweifeln, dass die 
Tanzkunst nur idealisirte Bilder realer seelenvoller Bewegungen bietet. 
15. Bei der Frage nach dem Realen der Musik darf endlich 
der Mensch nicht blos in seinem rohen Naturzustände in Betracht 
genommen werden, sondern auch im Zustande der Bildung. So wie 
die Mienen, Stellungen, Geberden und Reden des Gebildeten ein Reales, 
ein Ausdruck realer Gefühle bleiben, wenn auch die Sitte und mittel¬ 
bar der veredelnde Einfluss der Kunst dieses äusserliche Benehmen 
und Sprechen verfeinert und von den rohen Ausbrüchen des Natur- 
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menschen unterschieden gestaltet hat; so wie die Rundung, die Gra¬ 
zie in den Bewegungen, der bildliche Ausdruck in der Rede eines Ge¬ 
bildeten damit die reale Natur seines Benehmens nicht aufhebt, 
ebenso bleibt auch der Tonfall in der realen Rede, die in Gesang 
ausbrechende reale Heiterkeit eines Gebildeten ein Reales, wenn 
auch in solchen Aeusserungen realer Gefühle sich die von der Kunst 
bereits verbesserten Mittel der Tonleitern, der Tonarten, der Inter¬ 
valle und Taktarten eindrängen. 
16. Dasselbe gilt von dem Gebrauch der musikalischen Instru¬ 
mente, insoweit der Mensch ihre Töne nur benutzt, um den äugen-
        

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