Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/219/
204 
Die Bildlichkeit der bildenden Künste. 
schöne Menschen gewählt und • werden dabei die Hiilfsmittel der 
Schminke, der Kleidung, der entsprechenden Fernhaltung des Zu¬ 
schauers, der künstlichen Beleuchtung hinzugenommen, so werden diese 
lebenden plastischen Gestalten den todten des Marmors und -Erzes 
wenig nachstehen. Bleiben Mängel, so kann hier ebenso wie bei den 
Mängeln des todten Materiales von dem Zuschauer verlangt werden, 
dass er verstehe, davon abzusehen oder sie in seiner Phantasie zu 
ergänzen. 
33. Vor allem aber werden diese Mängel dadurch verhüllt, dass 
in dem lebendigen Bildwerke zu dem Elemente der Gestalt das der 
Bewegung hinzutritt. Alle menschliche Bewegung in Mienen, Ge¬ 
berden, Stellungen, im Gehen und Laufen ist viel seelenvoller, als die 
Ruhe; so wie mithin dieses Element in das Kunstwerk aufgenommen 
werden kann, tritt es vor den übrigen hervor und ist bei guter Aus¬ 
führung völlig geeignet, die geringen Mängel anderer Elemente, ins¬ 
besondere der Gestalt zu verdecken. Ein weiterer Vortheil des leben¬ 
digen Materiales liegt in seiner leichten Handhabung ; was im Marmor 
Monate mühsamer Arbeit fordert, giebt der Mime im Moment ; ist der 
Künstler zugleich selbst der Ausführende, so giebt es keine Kunst, 
wo mit der Blitzesschnelle wie hier die volle Ausführung der Concep¬ 
tion folgen könnte. 
34. Auch die Musik, insbesondere der Gesang und die Dichtung, 
wenn sie gesprochen werden soll, können des lebendigen Materiales 
nicht entbehren. Niemand wird aber deshalb den Gesang von der 
Kunst ausschliessen und selbst der Schauspieler wird jetzt allgemein 
als ein wahrer Künstler anerkannt. Es ist also kein genügender Grund 
vorhanden, die Plastik mit lebendigem Material von der Kunst aus- 
zuschliessen, sobald sie im Uebrigen die Bedingungen des Schönen 
und des Kunstwerkes einhält. 
35. Bei den lebenden Bildern, welche nur insoweit hierher 
gehören, als sie in der Farbe des Marmors und in der Drehung 
d. h. von allen Seiten geboten werden, ist die Herstellung eines Kunst¬ 
werkes am schwierigsten, weil die Bewegung hier noch fehlt und 
vollkommen schöne Gestalten selten zu haben sind. Doch kann schon 
hier eine reiche Gruppirung, wie sie im Marmor nie möglich ist, die 
Mängel der Gestalt verdecken. Die Pantomime ist die lebendige 
und sich bewegende Statüe. Die Bewegung bleibt hier mehr die na¬ 
türliche, während sie in der schönen Tanzkunst, oder in dem Ballet 
stärker idealisirt und zu einem selbstständigen Kunstelement gestei¬ 
gert ist. 
36. Durch die hinzutretende Bewegung ist das Gebiet der Pan-
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.