Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/213/
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Die Bildlichkeit der bildenden Künste. 
des realen Hauses. Daraus erklärt sich, dass diese Kunst sich mehr 
dem Erhabenen als dem einfach Schönen zuwendet. 
13. Dagegen ist es unrichtig, wenn Vischer, nach Hegel’s Vor¬ 
gang, das Baukunstwerk symbolisch nennt, »was nichts Bestimm- 
»teres aussprechen kann, als die Ahnung ursprünglichen Wirkens der 
»bauenden Weltkraft.« (Vischer III, 201.) Indem das reale Gottes¬ 
und weltliche Haus mit den menschlichen Gefühlen des Erhabenen 
und der Lust in der innigsten Beziehung steht und zu dem Seelen¬ 
vollsten des Natürlichen gehört, wie oben gezeigt worden, ist das Bau¬ 
kunstwerk, als das idealisirte Bild dieses Seelen vollen Realen, nicht 
blos Symbol, sondern Bild der Gefühle; und nur wenn man den 
Unterschied des Stimmungsbildes von dem Handlungsbilde vergisst, 
kann man meinen, das Werk der Baukunst biete seinen Inhalt weniger 
deutlich und klar, wie das der andern Künste. 
14. Abweichend von der hier gegebenen Auffassung suchen die 
idealistischen Systeme das Reale oder das Vorbild des'Baukunstwerkes 
nicht in dem realen Hause, sondern in den Bildungen der unorgani¬ 
schen Natur. Vischer sagt (III, 192) : »Der Baukünstler hat im Realen 
»kein bestimmtes Vorbild, dem er gegenüber träte, sondern nur un- 
»bestimmt schweben ihm die festen Bildungen der unorganischen Natur 
»vor, aus deren Massen er das verworren angedeutete Reich der reinen 
»Verhältnisse wechselwirkender Schwere, und der reinen Linie zu der 
»Klarheit und Ordnung herausarbeiten muss, vermöge deren sie fähig 
»wird, ein Absoiutes auszudrücken. Von dieser Seite ist also die Bau- 
»kunst als die Idealisirung der unorganischen Nätur zu fassen.« 
15. Hierauf ist zu erwidern, dass wenn den Baukünstlern kein 
bestimmteres Reale als die“ festen Bildungen der unorganischen Natur 
vorgeschwebt hätte, schwerlich 'die Tempel, Palläste und Dome von 
ihnen gebildet sein würden; kaum die Pyramiden hätten dann ein ge¬ 
nügendes Vorbild gehabt und nur ein buntes Gewirr, gleich dem Spiel 
der Arabeske, hätte daraus bervorgehen können. Nur das reale Haus 
bot' hier das feste Vorbild, von dem aus der Künstler dann idealisirend 
weiter gehen konnte. Deshalb entsprechen die Bauwerke jedes Landes 
nicht ihren Gebirgen und Telsen, sondern ihren Wohnungen. Die 
Granit- und Kalkgebirge haben überall dieselbe Gestaltung; aber er 
ägyptische, dachlose Pallast, der griechische freie, offene Tempel nd 
der gothischë, gegen die Unbill des Wetters schützende Dom zei eu 
deutlich, dass das Haus dieser verschiedenen Länder das Vor ild 
dazu gegeben hat. Selbst das Zelt der Scythen und Araber is in 
den Bauwerken der Russen und Mauren als deren Unterlage zu 
erkennen.
        

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