Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/203/
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Der Begriff der Bildlichkeit. 
Bild ist ähnlich, dadurch, dass einzelne Bestimmungen desselben denen 
des Originals gleich sind und dass zugleich andere Bestimmungen in 
beiden verschieden sind. Weder die Gleichheit noch die Ungleich¬ 
heit ist für das Bild zu entbehren; fehlte die letztere, so wäre das 
Bild nicht mehr Bild, sondern das Original selbst; fehlte die Gleich¬ 
heit, so wäre das BUd nicht mehr Bild, sondern ein durchaus Anderes. 
4. Man kann die einzelnen Bestimmungen des Bildes, welche 
denen des Originals gleich sind, die Elemente der Bildlichkeit nennen. 
Sie sind nach den einzelnen Künsten sehr verschieden ; bei der Statüe 
bildet die körperliche Gestalt dies Element; bei dem OelgemaJde sind 
es die Flächen - Gestalt, die Farben und die Schattirung; bei dem 
Musikstück sind es der Ton, die zeitliche Bewegung und der Rhyth¬ 
mus oder die Kraft (Akzent). Die Bestimmungen, welche das Bild 
vom Original unterscheiden und seine Ungleichheit ausmachen, sind 
daneben leicht erkennbar; der Statüe fehlt die Farbe, die Wärme, die 
Weichheit des menschlichen Körpers; dem Gemälde fehlt die Körper¬ 
lichkeit; dem Musikstück fehlt die räumliche Gestaltung, die Färbung, 
das Körperliche des realen Menschern 
5. Bei den Werken der Baukunst und Gartenkunst ist die 
Zahl der gleichen Elemente so gross, dass die Wissenschaft Muhe 
hat, ihren Unterschied von dem Realen darzulegen. In dem dichte¬ 
rischen Kunstwerke fehlen dem Stoffe nach die ungleichen Elemente 
gänzlich; alle Bestimmungen sind hier dieselben wie im Original; das 
Ungleiche liegt hier nur in der Form der Elemente; sie sind in der 
Dichtung nicht in seiender Form, sondern nur in der Form der Vor¬ 
stellung enthalten. In ähnlicher Weise unterscheidet sich das Natur¬ 
schöne von seinem realen Gegenstände. Das Bild wird hier nur ta 
der Vorstellung des Beschauers von der Sache selbst und ihren realen 
Beziehungen abgesondert. 
6. Alle Künste, welche ihr BUd sinnlich wahrnehmbar hinstellen, 
bedürfen eines Materiales, durch welches jene Elemente der Bild- 
^ lichkeit dargestellt werden und das durch seinen Unterschied von der 
Sache selbst zugleich den Unterschied des BUdes von dem Original 
herbeiführt. Von dem Material ist alle Kunst geschichtlich ausge¬ 
gangen und die Natur dieses Materiales hat den weitgreifendsten 1 
fluss auf das Kunstschöne selbst gehabt. 
7. Von dem Material sind zunächst die Elemente abhän , 
welche die Bildlichkeit oder Aehnlichkeit vermitteln. Ist dieses 
terial Marmor, so kann weder die Farbe noch die Bewegung des ( 
ginals als Element benutzt werden; ist das Material die Farbe, 3 
kann die Körperlichkeit und das Innere des Originals nicht als 1
        

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