Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/19/
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Das Wahniehmen. 
stofflichen Bestimmungen: die Farben, die Töne, das Glatte, 
das Rauhe, die Temperaturen, die Kraft, die Geschmäcke und die 
Gerüche. Daneben gehören zum Inhalt die Bestimmungen der räum¬ 
lichen und zeitlichen Grösse, des Grades, der Richtung, der Gestalt, 
der Bewegung und der Veränderung. Der Inhalt der Selbstwahrneh¬ 
mung umfasst die seienden Zustände der Seele, welche sich in Ge¬ 
fühl und in Begehren sondern. Das Gefühl besondert sich zu 
dem der Lust und des Schmerzes und zu dem Gefühl des Er¬ 
habenen und der Achtung. Jene Gefühle besondem sich je 
nach den Ursachen weiter zu vielen Unterarten, für welche die 
Sprache keine zureichenden Worte gebildet hat. Die Gefühle des 
Erhabenen sind entweder die aus dem Natur - Erhabenen oder die 
• Gefühle der Achtung vor einem erhabenen Willen d. h. vor den 
Autoritäten. Zu dieser Klasse gehören auch die sittlichen und 
religiösen Gefühle. 
10. Das Begehren oder Wollen nimmt keine Besonderung an, 
sondern ist stets jener einfache, nicht weiter zu definirende Zustand 
der Spannung der Seele, welcher von der Vorstellung einer Ursache 
der Gefühle erweckt, die Muskelkräfte ihres Leibes oder die Bewe¬ 
gungen in ihrem Denken zur Erreichung des Zieles erregt 
11. Neben diesen seienden Zuständen der Seele besteht in ihr 
das Wissen, was seiner Natur nach nicht blos seinen Inhalt, son¬ 
dern auch sich selbst weiss, so dass es zur Erkenntniss seiner selbst 
keiner Wahrnehmung bedarf. Das Wissen theilt sich in Wahr neh¬ 
men und Denken. Andere Besonderungen des Wissens neben diesen 
beiden bestehen in der menschlichen Seele nicht Das Wissen ist 
mit den seienden Gefühlen und Begehren zu einer Seele vereint; 
es dringen dadurch seiende Elemente, in das Wissen ein und be¬ 
gründen die verschiedenen Wissens-Arten, in denen derselbe Inhalt 
vorgestellt werden kann. Die Darstellung des Wissens ist die Auf¬ 
gabe dieser Einleitung und mit dem Wahrnehmen ist bereits be¬ 
gonnen. 
12. Neben der Sinnes- und Selbst-Wahrnehmung giebt es für 
den Menschen kein Drittes, was den Inhalt des Seienden seinem 
Wissen zuführen könnte. Insbesondere sind das »intuitive Wissen« 
oder »anschauende Denken« (Schelling, Schopenhauer), das »Hell- 
»sehen« (Mystiker), die »Offenbarung« (in den Religionen), die »an- 
» geborenen Ideen« (Kant) u. s. w. keine solche Mittel, durch welche 
der Mfensch Kenntniss von einem Seienden erlangen kann. Vielmehr 
sind diese angeblichen Quellen der Erkenntniss nur Gebilde eines 
dunklen oder von den Gefühlen missleiteten Denkens, welches damit
        

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