Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/158/
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Der Widerstreit zwischen Aohtangsgeflthlen. 
i keiten hinweg. Es ist vielmehr dann natürlich, dass die vereinzelten, 
und von verschiedenen Autoritäten ausgehenden Gebote, aus welchen 
sich allmählig das Sittliche zusammensetzt, in Gegensätze und Wider¬ 
sprüche mit einander gerathen. Innerhalb dés Rechts sind diese 
I Widersprüche eine bekannte Sache; die Rechtswissenschaft verdankt 
' Omen ihre Entstehung, und ihr Hauptgeschäft besteht in der Aus¬ 
gleichung dieser Widersprüche und Dunkelheiten der Gesetze. Inner¬ 
halb der Moral scheinen sie nur deshalb weniger vorhanden zu sein, 
weil deren Gebote unbestimmter gefasst sind und der fehlende Zwang 
i die Widersprüche weniger zum Vorschein kommen lässt. 
! 4. Näber betrachtet, enthält aber die Moral solcher Widersprüche 
i und Collisionen weit mehr als das Recht. Indem die Moral sich bei 
ihrer Fortbildung auf das Gebot allgemeiner Tugenden beschränkte, 
hat sie damit alle Anwendbarkeit auf die einzelnen Fälle im Leben 
verloren. Alle Tugenden gebieten nicht mehr bestimmte Hand- 
: lung en, sondern setzen nur Ziele, welche verfolgt werden sollen. 
So ist die Sorge für das Leben, für die Gesundheit zu einer Tugend 
erhoben; ebenso der Erwerb von Kenntnissen, die Ausbildung der 
körperlichen und der geistigen Kräfte; ebenso die Sorge für das Ver- 
; mögen, dessen Erhaltung und Vermehrung. Neben dieser Sorge für 
die eignen Güter wird in der Tugend der Liebe und der Wohl- 
i Tätigkeit die gleiche Sorge für diese Güter der Andern zur Pflicht 
erhoben. 
5. Es erhellt von,.all’ diesen Tugenden, dass jede einzelne der 
t ändern hinderlich und hemmend ist und sein muss. Ich kann nicht * 
für mein Vermögen sorgen, wenn ich für Andre sorgen soll; ich 
kann mein Leben nicht schonen, wenn ich das eines Andern retten 
soll; ich kann nicht die eine Anlage, die eine Kraft in mir aus¬ 
bilden, ohne die Zeit der andern zu ihrer Ausbildung zu entziehen. 
Diese Ziele der Tugenden sind im Grunde dieselben, wie die der Lust. 
Bei dieser ist der Gegensatz, in dem diese Ziele stehen, bereits dar¬ 
gelegt worden; er bleibt ungeändert, wenn auch diese Ziele zu sitt¬ 
lichen erhoben werden. * 
6. Die Ziele der einzelnen Tugenden gleichen daher verschiedenen 
Punkten in dem Umringe eines Kreises, in dessen Mittelpunkt der 
Mensch sich befindet. Die Moral heisst ihn mit ihrer Tugendlehre 
alle diese Ziele zugleich verfolgen. Indem er aber dem einen sich' 
zuwendet, entfernt er sich nothwendig von den andern. Dies gilt auch 
von einzelnen, bestimmter gestalteten Tugenden ; wie von der Tapfer¬ 
keit, Mässigkeit, Gerechtigkeit, Wahrheitsliebe, Wohlthätigkeit, Demuth, 
Gefälligkeit, Höflichkeit, Sparsamkeit, Fleiss u. s. w. Die Wahrheits- 
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