Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/124/
Die Lustgefühle. 
109 
45. Der letzte Umstand, welcher die Empfänglichkeit bestimmt, 
ist die Ausgleichung. Es ist damit ein zweifaches bezeichnet. Ein¬ 
mal wächst die Lust selbst nicht in demselben Verhältnisse mit der 
Ursache derselben. Fechner hat behauptet, dass, wenn die Ursache 
in geometrischer Progression wächst, die Lust nur in arithmetischer 
oder wie die Logarithmen jener wachse. Wenn dies Gesetz auch 
nicht in dieser scharfen Bestimmtheit bestehen mag, und wenn es 
auch nicht ftlr alle Arten der Lust erwiesen werden kann, so bestä¬ 
tigt doch im Allgemeinen die Beobachtung dasselbe. Der zweite Thaler, 
den man in die Sparkasse einlegt, macht mehr Freude als später der 
hundertste, wenn man schon 99 Thaler darin hat. Der erste Orden 
macht glücklicher, als der zweite. Das Kommando über eine Com¬ 
pagnie macht dem jungen Offizier mehr Freude, als das spätere über 
ein ganzes Regiment. 
46. Sodann liegt in dieser Ausgleichung, dass mit jedem Steigen 
einer Lust die Empfänglichkeit für die Lust'überhaupt abnimmt, dagegen 
die für den Schmerz steigt, und umgekehrt. Eine aufmerksame Be¬ 
obachtung der reichen und sogenannten glücklichen Menschen lässt 
dies leicht erkennen. Reiche Leute, Alle, denen es gut geht, sind 
für die Vermehrung ihrer Glücksgüter und der Genüsse des Lehens 
sehr unempfindlich; dagegen verletzt sie schon eine kleine Ursache 
des Schmerzes tief. Der Arme, der Bedrängte empfindet dagegen solche 
Kleinigkeiten gar nicht, wohl aber ist er sehr empfänglich für jede, 
auch die kleinste Ursache der Lust. Er empfindet dasjenige in einem 
hohen Maasse von Lust, was der Glückliche kaum bemerkt. 
47. Diese beiden Gesetze, das der Ausgleichung und das 
der Abstumpfung, sind für die allgemeine Gleichheit des Glückes 
unter den Menschen von der höchsten Bedeutung. Die Wissenschaft 
hat bisher diese Bedeutung viel zu wenig beachtet. Aller Fortschritt 
in der Gestaltung und Verbesserung der Staats- und Gesellschafts- 
Formen ist seit Anbeginn wesentlich auf die allgemeine Gleichheit fier 
Menschen gerichtet. Diese Gleichheit ist aber nur dann eine wahre, 
wenn sie eine Gleichheit des Glückes der Einzelnen enthält; denn 
das Glück, die möglichst hohe und dauernde Summe von Lust, ist 
das letzte Ziel, dem Alle nachstrehen. 
48. Alles, was der sociale Fortschritt hierfür zur Zeit er¬ 
strebt, ist aber nur eine Gleichheit in den Ursachen des Glückes, 
eine möglichst gleiche Vertheilung der Güter des Lebens. Die Gleich¬ 
heit in diesem Punkte wird aber immer eine Unmöglichkeit bleiben. 
Die nicht zu hindernde Ungleichheit in den natürlichen, körperlichen 
und geistigen Anlagen und Kräften der einzelnen Menschen würde
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.