Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/119/
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Die Lustgefühle. 
Macht, indem alle Männer ihr zu Dienste stehen und ihren Willen voll¬ 
führen. Ueberwiegt diese letzte Lust, so gilt die Frau als kokett. 
31. Die Lust der Verliebten ist eine Mischung der Lust aus 
der Liebe mit der Lust aus der Macht und mit der sinnlichen Lust. 
Indem die geschlechtlichen Empfindungen sich bewusst oder unbewusst 
einmischen, verlangt diese Liebe vor allem die Nähe des Geliebten 
und die Gegenliebe, was bei andern Arten der Liebe weniger stark 
hervortritt. In der Gegenliebe wird dem Liebenden die gleiche Macht 
über den Andern gegeben und er von dem Schmerz der Sclaverei be¬ 
freit, in der er bei unerwiederter Liebe sich befindet. Wegen ihres 
hohen Grades und wegen der Beimischung sinnlicher Lust ist diese 
Art der Liebe vergänglicher, wie andere Arten. 
32. Wenn allen Arten der Liebe das Verlangen nach Gegenliebe 
innewohnt, so beruht dies theils in dem Schmerz der Machtlosigkeit, 
dem Geliebten gegenüber, theils in der völligen Verrückung aller Ziele 
seines Handelns, welche durch die Liebe in dem Liebenden erfogt; 
denn nicht mehr die eignen Gefühle, sondern die der Geliebten be¬ 
stimmen sein Handeln. Daher kommt sich der Verliebte wie völlig 
verwandelt vor; er kennt sich selbst nicht mehr. Beide Uebelstände 
werden durch die Gegenliebe gehoben ; insbesondere giebt sie die Ge¬ 
wissheit, dass die eigne Lust auch die des andern i^£ und dass die 
Ziele beider Liebenden in keine so starken Gegensätze gerathen wer¬ 
den, um eine völlige Verleugnung der eignen Natur zu fordern. 
33. Diese Beispiele mögen genügen; der aufmerksame Leser 
wird danach leicht in andern Fällen die Elemente verwickelter Zu¬ 
stände herausfinden. Solche Beschäftigung ist zugleich eine der besten 
philosophischen Schulübungen. Das Ziel der Philosophie ist nicht 
das Zerreissen und Zerstören des Lebendigen, sondern nur das Er¬ 
kennen der in dem Lebendigen vorhandenen und wirksamen Ele¬ 
mente und der sie einenden Formen. Da das begriffliche Trennen des 
Philosophen nicht an dem Gegenstände selbst, sondern nur an der 
Vorstellung desselben vollzogen wird, so ist der Vorwurf, dass die 
Philosophie das Lebendige, den Genuss zerstöre, völlig unbegründet. 
Im Gegentheil, je stärker er sich im Sein erhält, desto besser ist sie 
im Stande, ihn zu beobachten. 
34. Bei solcher Betrachtung des Lebens wird sich zeigen, c 
die wirklichen Zustände desselben in der Regel eine Verbindung' 
schiedener Arten der Lust oder ein Zugleichsein der Lust mit * 
Schmerz enthalten. Insbesondere kann durch die Sorge oder 
Schmerz aus kommendem Schmerz beinah jede Lust verbittert wer n, 
wie sich bei ängstlichen und schwermüthigen Personen zeigt. is 
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