Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/104/
Sas Seelische Oberhaupt. 
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Wirklichkeit und Gegenständlichkeit. Die Form des Schönen und seines 
Realen hat dann gar keine Verbindung mit solchem Inhalt und es 
fehlen die Gesetze, welche beide verknüpfen. Solche Beziehungen, 
Begriffe und selbst die Idee Hegel’s in ihrer logischen Form sind ein 
rein Gewusstes, was von dem Menschen in das Seiende erst hinein¬ 
gelegt wird und nicht ursprünglich als ein Seiendes mit ihm ver¬ 
knüpft ist 
9. Deshalb lassen auch alle diese Beziehungen des Wissens kalt; 
es sind reine Elemente des Denkens, welche in das Reale nicht als 
i ein Reales eintreten. Die Dichtung kann wohl Begriffe und Gedanken 
I wissenschaftlicher Natur in sich aufnehmen und viele ihrer Werke 
werden wegen ihres tiefen Sinnes bewundert; allein alle diese Ge¬ 
danken dienen in der wahren Dichtung nur zum Ausdruck der Ge¬ 
fühle und gehören zur Form, nicht zum Inhalt. Hamlet, Faust, 
Wallenstein halten Monologe voll philosophischer Betrachtungen ; allein 
diese würden nicht als schön gelten, sie würden den Hörer kalt lassen, 
wenn sie nicht von den tiefen Gefühlen des Sprechenden getragen 
würden, und nicht diesen Gefühlen zum Ausdruck dienten. 
10. Käme es bei dem Schönen nur auf die Erkenntniss an, 
so wäre es ein höchst lästiger Umweg zu diesem Ziele. Die Wissen¬ 
schaft könnte dies Ziel viel besser und schneller erreichen lassen. 
Hegel erkennt deshalb offen an, dass die Kunst nur eine Uebergangs- 
stufe zur Wissenschaft bildet, bestimmt, in sie aufzugehen. Wolff, 
Baumgarten, Kant konnten sich dazu nicht entschliessen; sie waren 
deshalb gezwungen, den Werth der Kunst gegenüber der Wissenschaft 
durch die sonderbarsten Wendungen zu rechtfertigen. 
! 11. Wolff macht aus Wahrnehmen und Denken, die doch nur 
; vereint die eine Erkenntniss geben, zwei Arten der Erkenntniss, 
j die sinnliche und die vernünftige; ihr Gegenstand ist nach Wolff der- 
! selbe, aber jene erkennt undeutlich, diese deutlich. Der Werth 
| der Kunst liegt also nach ihm in der undeutlichen Erkenntniss des 
Vollkommenen und Wahren. Kant unterscheidet ein Urtheilen nach 
i 
1 Begriffen und ohne solche. Jenes findet in dem reinen Denken, in 
dem wissenschaftlichen Urtheilen statt; dieses tritt bei dem Schönen 
ein ; in dieser begrifflosen Erkenntniss der Zweckmässigkeit des Schönen 
i soll sein Werth und seine Wirkung auf das Gefühl liegen. Es genügt, 
: diese Ansichten anzuführen, um sie zu widerlegen. Sie wären bei 
i diesen Männern unerklärlich, wenn nicht die falsche Voraussetzung 
| eines blossen Beziehungsbegriffes als Inhalt des Schönen sie dazu 
| verfährt hätte. 
12. Der Ursprung dieser Prinzipien von Vollkommenheit, Zweck-
        

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