Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Aesthetik auf realistischer Grundlage. Band 1
Person:
Kirchmann, Julius Hermann von
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39655/103/
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Das Seelische überhaupt. 
In dem Zustande der Achtung beugt sich das Ich vor dem Erhabenen; 
es fühlt sich als ein Nichts ihm gegenüber ; es geht in dessen Hoheit 
auf und findet sich erst in ihm, als ein in ihm Aufgegangenes wieder. 
Beide Arten der Gefühle bilden so zwei entgegengesetzte Pole, zwi¬ 
schen denen der Mensch sein Leben hindurch hin und her schwankt; 
keiner allein vermag ihn dauernd festzuhalten. Auch Schiller sagt 
(Ueher die tragische Kunst): »Wir kennen nicht mehr als zweierlei 
»Quellen des Vergnügens; die Befriedigung des Glückseligkeitstriebes 
»und die Erfüllung moralischer Gesetze.« Falsch ist hierbei nur, dass 
er das sittliche Gefühl ein Vergnügen nennt; denn damit fielen alle 
Gefühle in eine Art zusammen, und wären nur in ihren Ursachen, 
nicht in ihrer Art verschieden. Das sittliche Gefühl igt vielmehr schon 
seiner Natur nach der Gegensatz der Lust- und Schmerzgefühle. Nie¬ 
mand wird die Andacht des Frommen in der Kirche ein Vergnügen 
nennen. 
6. Indem so diese beiden Gefühlszustände den Kern alles Lebens, 
alles Daseins und das Maass jedes Werthes im Realen für den Men¬ 
schen bilden, ist es durchaus natürlich, ja noth wendig, dass diese 
Gefühle in idealer Form auch den Kern seiner idealen Welt des 
Schönen bilden und dass der Mensch das Schöne nur schafft und 
sucht um dieses Kernes willen. Das Reale hat nur Werth, Inter¬ 
esse, Bedeutung, Reiz für ihn um irgend eines dieser Gefühle willen; 
nur deshalb unternimmt er das Schwerste, nur deshalb opfert er sich 
dem Vaterlande, nur deshalb stürzt er sich in die Gefahren des Stur¬ 
mes und der Wüste, nur deshalb sinkt er in das Verbrechen. Wie 
sollte da ein anderer Kern möglich sein für den Inhalt einer Welt, 
die er sich selbst schafft und wo er frei ist von den Fesseln der realen. 
7. Wenn so schon aus dem Allgemeinen folgt, dass die Gefühle 
den Kern und Inhalt des Schönen bilden, so wird sich dasselbe auch 
aus der fortschreitenden Betrachtung des Besonderen ergeben. Alle 
Bedenken und Zweifel dagegen werden in dem Folgenden ihre Er¬ 
ledigung finden. Dieser Auffassung entgegen haben die meisten Sy¬ 
steme den Inhalt des Schönen in ein Wissen gesetzt. Wolff nennt 
es die Vollkommenheit, Kant die Zweckmässigkeit, Hegel die Idee; 
alles Worte, welche nur ein Denken, ein Beziehen bezeichnen. In Folge 
dessen sind diese Systeme auch genöthigt, die Bedeutung des Schönen 
in der, durch es vermittelten Erkenntniss zu suchen,- und wenn 
sie noch ein Gefühl dabei anerkennen, wird dies nur als eine reale 
Lust aus dem Wissen aufgefasst. 
8. Allein da diese Begriffe der Vollkommenheit, der Zweckmässig¬ 
keit nur Beziehungen des Wissens ausdrücken, so fehlt ihnen alle
        

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