Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das aesthetische Miterleben und die Empfindungen aus dem Körperinneren
Person:
Groos, Karl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39654/21/
DAS ÄSTHETISCHE MITERLEBEN. 
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direkt auf der viel weiter entfernten Wand aufzusitzen, ja es hat sich 
auch entsprechend dieser Einfügung verändert: es ist viel größer 
geworden und es ist stark seitlich verzogen. In analoger Weise 
können auch unsere Organempfindungen und mit ihnen unsere 
emotionalen Zustände, da sie während der aufmerksamen Betrachtung 
eines Gegenstandes nicht deutlich in unserem eigenen Leibe lokalisiert 
sind, in das Objekt hinüberwandern und sich seiner Eigenart anzu¬ 
passen suchen. — Diese Annahme leistet, wir mir scheint, in wesent¬ 
lichen Punkten dasselbe wie die Lehre von Lipps, wonach das Ich 
wegen seiner Unräumlichkeit überallhin in den Raum versetzt werden 
kann (vgl. Ästhetik II, 430). 
Hierbei kann man drei verschiedene Stadien auseinanderhalten. 
Sind während der Betrachtung eines Objekts unsere körperlichen Ge¬ 
fühle und Stimmungen, die den Ausdrucksformen des Dinges ent¬ 
sprechen, überhaupt nicht merklich im eigenen Leibe lokalisiert, so 
erfüllen sie einfach das Objekt: hieraus erwächst nicht nur eine be¬ 
sonders günstige Bedingung für die ästhetische und religiöse Natur¬ 
beseelung, sondern auch für das deutlichere Erleben der wirklichen« 
Gefühle in der Person, mit der wir reden; denn auch ihr müssen wir 
so oder in einer abstrakteren Form unsere eigenen Gefühle »leihen«. 
Sind nun die den Ausdrucksformen entsprechenden gefühlsreichen 
Organempfindungen immer noch zu schwach und zu wenig deutlich 
lokalisiert, um unsere Aufmerksamkeit von dem Gegenstand abzu¬ 
lenken, aber doch stark genug, um eine kräftigere Wirkung auf 
den Gesamtzustand des Bewußtseins auszuüben, so entsteht, wenn 
sie die aktiv-motorischen Elemente der kinästhetisehen Nacherzeugung 
enthalten, jener Zustand, den wir in der nachträglichen Reflexion 
als miterlebende Selbstversetzung in das Objekt bezeichnen, d. h. 
der Zustand, um den es uns hier zu tun ist. Gehen wir endlich noch 
einen Schritt weiter, so zerbricht die Lokalisation der Zustände in 
unserem eigenen Leibe den Zauber der Selbstversetzung, und wir sind 
gezwungen, »zu uns selbst zu kommen«, so daß wir mit verändertem 
Sinne zitieren können: die Träne quillt — die Erde hat uns wieder1). 
1) An dieser Stelle muß ich nochmals die kritischen Bemerkungen von Lipps 
berühren. Er sagt, die Anwendung der James-Langeschen Theorie führe zu der 
widersinnigen Forderung, daß wir während der ästhetischen Betrachtung des Objekts 
zugleich auf die körperlichen Organe »hinblicken« (II, 437), die körperlichen Vor¬ 
gänge zum Gegenstand unserer Aufmerksamkeit machen müßten. »Diese Forde¬ 
rung«, sagt er (II, 430), »stützt sich auf eine Tatsache, über die man nicht nötig 
haben sollte, irgend jemanden zu belehren. Jedermann weiß, Vorgänge und Zu¬ 
stände in meinem Körper können da sein, und an sich stark gefühlsbetont sein, 
ohne daß ich doch das Lust- oder Unlustgefühl, das zu wecken sie an sich ge¬ 
eignet sind, tatsächlich habe. Es braucht nur meine Aufmerksamkeit von ihnen ab-
        

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