Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das aesthetische Miterleben und die Empfindungen aus dem Körperinneren
Person:
Groos, Karl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39654/15/
DAS ÄSTHETISCHE MITERLEBEN. 
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als spiele sich in der betrachtenden Person eine Nachbildung der Vor¬ 
gänge ab, die sich sonst nur fremd im Objekt da draußen zu voll¬ 
ziehen scheinen, d. h. dem Eindruck des inneren Miterlebens. Wenn 
dann ein solches inneres Miterleben um seiner eigenen Inhalte willen 
als eine in sich geschlossene »Erlebnissphäre«1) genossen wird, so 
nimmt es als »Spiel der inneren Nachahmung« den Charakter des ästhe¬ 
tischen Genießens an. 
Die Mittel der inneren Nachahmung. — Nun wird man bei 
der »kinästhetischen Nacherzeugung« naturgemäß zuerst an leise Erre¬ 
gungen in den Muskeln der Glieder, des Rumpfes und des Ge¬ 
sichtes denken. In der Tat wird allgemein zugegeben, daß beim 
intensiven ästhetischen Mitgenießen — man denke etwa an den Zu¬ 
schauer im Theater — häufig solche Innervationen hervortreten, wie 
denn überhaupt bei motorisch Veranlagten jede deutliche Bewe- 
gungs- und Richtungsvorstellung leicht auf die entsprechenden 
Muskelpartien einwirkt. Schon Condillac hat von der Musik gesagt, 
sie schaffe Lustgefühle »durch Nachahmung«, wenn sie durch ihren 
Rhythmus unseren Körper anreize, die Stellungen und Bewegungen 
der verschiedenen Leidenschaften anzunehmen. Ich führe zwei Bei¬ 
spiele an, die der Selbstbeobachtung von Personen mit ungewöhn¬ 
lich starker Veranlagung zu Nachahmungsbewegungen entspringen. 
Das erste steht bloß an der Grenze des Ästhetischen. »Wenn ich 
mich in der geeigneten körperlichen Verfassung,« sagt Stricker in 
seinen »Studien über die Bewegungsvorstellungen«, »in einiger Ent¬ 
fernung von einem Exerzierplatz so aufstelle, daß ich die exerzierende 
Truppe bequem beobachten kann, ohne aber die Kommandoworte zu 
verstehen, so werde ich mir gewisser Muskelgefühle so lebhaft bewußt, 
als würde ich selbst unter dem Kommando stehen und bestrebt sein, 
demselben Folge zu leisten. Wenn die Gruppe marschiert, begleite 
ich sie taktmäßig mit Gefühlen in meinen Unterextremitäten; wenn sie 
Armschwenkungen vornimmt, habe ich ziemlich intensive Muskelge¬ 
fühle in den Oberarmmuskeln; wenn die Truppe Kehrt macht, so 
habe ich die Gefühle im Rücken.« Das zweite Beispiel, das uns an 
die Ausführungen Lotzes erinnern kann, schildert ein ähnliches Ver¬ 
halten beim Genießen plastischer Kunstwerke. »Wir sind außer 
stände,« sagen Vernon Lee und Anstruther-Thomson in ihrem Aufsatz 
über Schönheit und Häßlichkeit (Contemporary Review 1897), »eine 
sich vorbeugende Figur wie die Mediceische Venus in befriedigender 
Weise zu betrachten, wenn wir steif aufrecht und mit gespannten 
Muskeln vor ihr stehen; ebensowenig gelingt uns die richtige Be- 
9 Vgl. hierzu mein »Seelenleben des Kindes* 2. Aufl., 62, 117 f.
        

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