Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Das aesthetische Miterleben und die Empfindungen aus dem Körperinneren
Person:
Groos, Karl
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39654/12/
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KARL GROOS. 
stürzen in diesen Abgrund« u. s. w., sagt Robert Vischer. »Keine 
Gestalt«, schreibt Lotze, der diese Zustände mit besonderer Feinheit 
geschildert hat, »ist so spröde, in welche hinein sich unsere Phantasie 
nicht mitlebend zu versetzen wüßte.« »Imiter en soi,« lehrt der 
französische Philosoph Jouffroy, »l'état extérieurement manifeste de la 
nature vivante, c'est ressentir l'effet esthétique fondamental.« 
Nehmen wir nun an, daß unsere Gefühlstheorie auch nur innerhalb 
gewisser Einschränkungen richtig sei, so gewinnen solche Schilde¬ 
rungen sofort eine sehr konkrete Bedeutung. Wir werden dann im 
Anschluß an das früher Gesagte zunächst folgendes Ergebnis erhalten. 
Wir lassen theoretisch die Möglichkeit offen, daß die Gemütsbewegungen 
des Miterlebens zum Teil auf Gehirnerregungen beruhen, die un¬ 
mittelbar durch die äußere Wahrnehmung oder durch hinzutretende 
reproduktive Faktoren (und Urteile) veranlaßt werden. Dagegen gilt 
es uns als zugestandene Voraussetzung, daß die gefühlsbetonten inneren 
Organempfindungen »wesentliche Bestandteile« auch dieser Emotionen 
bilden müssen, und zwar die einzigen sicher nachweisbaren emotio¬ 
nalen Bestandteile. Daher ist für uns die miterlebende Einfühlung in 
den ästhetischen Gegenstand als wirkliche, nicht bloß vorgestellte Ge¬ 
mütsbewegung ohne körperliches Ergriffenwerden überhaupt 
nicht vorhanden (»der ganze Leibmensch wird ergriffen«, sagt 
Robert Vischer). Wenn es z. B. der Dichter nicht versteht, durch den 
Klang und Sinn der Worte bestimmte physiologische Prozesse im 
Organismus des Hörers hervorzurufen, die als Körpergefühle ins Be¬ 
wußtsein dringen, oder wenn der Hörer selbst in dieser Hinsicht ver¬ 
sagt (wie das z. B. infolge von Abstumpfung oder Ermüdung auch 
beim ästhetisch Veranlagten eintreten kann), so mag das Gedicht ver¬ 
standen und beurteilt werden, aber die Emotion bleibt aus. 
Die innere Nachahmung. — Die charakteristischen Gefühls¬ 
zustände, die uns speziell im »inneren Miterleben« erfüllen, müssen aber 
von besonderen Entstehungsbedingungen abhängen. Das unverkenn¬ 
bare »Mit« oder »Nach« des Erlebens bedarf einer Erklärung. Wie 
kommt es zu stände? Wir werden mit dieser Frage auf den Nach¬ 
ahmungstrieb verwiesen, d. h. auf die Fähigkeit und den Drang, die 
sichtbaren und hörbaren Formen, die wir wahrnehmen, mit unserem 
eigenen Körper nachzuerzeugen. Von welch unermeßlicher Bedeutung 
dieser »Trieb« für die Entwickelung des Einzelnen und für die Erhal¬ 
tung der Kultur ist, kann hier nicht ausgeführt werden. Dagegen ist 
es für unsere Zwecke nötig, darauf hinzuweisen, daß es neben der 
äußerlichen Nachahmungsbewegung auch ein motorisches Nacherzeugen 
der Form gibt, das sich mehr im Innern des Organismus abspielt. 
Wir können ein Gedicht auch »innerlich« nachsprechen, ein Lied »inner-
        

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