Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/95/
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Der Fall Wagner. 
[282 
„Ich wünschte ein Riese zu sein mit Größe und Stärke der 
Weltallmasse. Einen glühenden Pfahl wollte ich dann nehmen 
und ihn der Erde in den Leib bohren. Von Pol zu Pol, von der 
Erde Scheitel bis zur Sohle wollte ich ihn durchtreiben. Den 
Äquatorwanst wollte ich anzapfen; ausquetschen wollte ich den 
angebohrten Erdenleib, zu allen Löchern sollte die Lava heraus¬ 
spritzen, und sollte ich mir gleich die Hand dabei verbrennen. 
Hörst du mich nicht, alter Jehovah? Habe ich dich umsonst verherrlicht? 
Hörst du nicht, wie mich die Philisterbrut höhnt? So laß doch die 
Haare meiner Kraft wachsen gleich dem längsten Kometenschweif, daß 
ich fassen kann die zwo Säulen, auf denen der Erde Bau gegründet 
ist, daß ich sterbend meinen Spaß haben kann bei der Erde 
letztem Hosenlupf!“ 
Mit Seite 288 nähern wir uns den letzten Wochen vor Ausführung 
der Mordtaten Wagners. Er berichtet von einem Besuch in Mühl¬ 
hausen, wohin er seine zwei Mädchen zum Ferienaufenthalt zur 
Großmutter gebracht hat. Er schreibt dabei: 
„Käme es auf mich an, sie dürften keinen Schritt in das Nest tun, 
das mich zugrunde gerichtet hat. Aber ich kann ihren Wünschen keinen 
stichhaltigen Grund entgegensetzen. Es ist furchtbar, wie ich mich in allem 
fügen muß, wie ich mich ängstlich vor Selbstverrat hüten muß. So rede ich 
mir auch selbst vor, es sei nötig, daß ich mich in Mühlhausen zeige, mein 
Erscheinen soll den Mühlhäusern mein gutes Gewissen beweisen. Die 
Mühlhäuser sind mir ins Gesicht höflich und freundlich, aber 
s’ ist alles Falschheit. Ich weiß das gewiß, es ist überhaupt 
alles falsch gegen mich; nur wenige Menschen kenne ich, denen 
ich Aufrichtigkeit zutraue. Das sage ich nicht, um mich zu beklagen. 
Ich habe kein Recht dazu, weil mein eigenes Leiden auf Verheimlichung 
und Lüge steht. Aber bei mir bedeutet das Bekenntnis der Wahrheit den 
Tod. Und es fällt mir doch recht schwer zu sterben. Ich sterbe 
keineswegs gern, wie ich euch im Nazarener vorgeredet habe. Zuweilen 
überfällt mich ein wahrer Lebenshunger. Doch fürchtet nichts ! Ich erfülle 
das Gesetz meines Lebens.“ 
„Wie schön doch der Ort meiner Todsünde daliegt! Wärs doch ein 
wüster Sumpf, das würde stimmen. Ich will die Berge lösen und den Fluß 
damit stauen, daß sie alle ersaufen, Mensch und Schnaken. Es ist alles Ein 
Ungeziefer.“ 
Wagner erwähnt dann, daß er ein Auto in Mühlhausen gesehen 
habe und knüpft daran Erwägungen, inwieweit dieses Auto seinen 
Mordplan zu stören vermöchte; es könnte ihm dadurch unmöglich 
gemacht werden, Mühlacker zu erreichen. Er schreibt: 
„Ich habe mir darum folgenden Plan zurechtgelegt: Ich wende mich 
gleich dem Walde der Seeeiche zu und erwarte dort den Schnellzug. Den 
Bahnwärter schlage ich in seinem Häuslein tot und schleppe ihn auf die
        

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