Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/52/
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Der Fall Wagner. 
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die Schrift selbst ist in dieser Schreibweise verfaßt. Im „Unter¬ 
offizierschulmeister“ kommt Wagners bitterer Grimm über 
sein qualvolles Leben kraß zum Ausdruck. Ein wilder Haß gegen 
die Familie als Institution, eine bittere Verhöhnung des Standes 
der Schulmeister, die immer unzufrieden, nicht Fisch noch Fleisch 
seien, ein Räsonnieren über Behörden, Pfarrer, die Dummheit 
der Schulkinder, ein Schelten über seine eigene Schwäche und 
Willenlosigkeit stehen im Mittelpunkt der Schrift, in der er halb 
mit Hohn, halb mit Ernst die Forderung stellt, man solle die Schul¬ 
lehrerseminare abschaffen, die Unteroffiziere als Schulmeister 
in die Schulfront einrücken lassen, Schulpensum und Stundenzahl 
verringern und so körperliche Tüchtigkeit der Kinder und Ordnung 
im Schulbetrieb erzielen. Der heutige Volksschullehrer sei ein 
destruktives Element, „ich merke es deutlich an mir“. Der ganze 
Stand sei verbildet; im Schulunterricht, namentlich in der Gram¬ 
matik werden sehr viele Torheiten begangen. Gegen die Religion 
habe er nichts einzuwenden, habe sie aber nur selten zu sehen 
bekommen. Über sein seelisches Leiden geben folgende Stellen 
Auskunft : 
„Ich habe es aufgegeben, mich retten zu wollen, und ich 
will ruhig am Schandpfahl stehen“. . . . 
„Und wenn es ihm zum Sterben ist, 
so fängt er an zu prahlen. 
Und seines Lebens ganzen Mist 
will er mit dem Tod bezahlen.“ 
An anderer Stelle: 
„Ich aber bin geboren in Schwäche und werde sterben in 
Schwäche. Die Schwäche aber ist das größte Verbrechen. Dies 
Beispiel habe ich auch gegeben.“ 
Wagner schätzt in der Schrift den Willen als das Höchste 
ein und nennt sich selbst einen „Schlappschwanz“. An einzelnen 
Stellen finden sich Anspielungen auf seine spätere Mordtat. Auch 
Größenideen sind an manchen Orten eingestreut. So sagt er einmal 
von seinen Gedanken, daß sie in „Adlerhöhe“ stehen. Er spricht 
einmal von sich, allerdings mit ironischem Beiklang, von des „Kaisers 
Kanzler' ‘. 
In der Biographie II. Teil, der in die letzte Zeit des Radel- 
stetter Aufenthalts fällt, macht sich ein grimmiger Humor 
geltend. Die Schrift ist in einzelne Abschnitte eingeteilt, von denen 
jeder eine bestimmte Überschrift hat. In der ersten, „Der Segen
        

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