Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/48/
Der Fall Wagner. 
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Stimme, die mir von Unrecht quatscht. Am vernichtenden 
Wollen soll es nicht fehlen, aber Glück muß der Mensch haben, 
zumal der ,,Verbrecher“. Schäumen werde ich vor Wut, wenns mi߬ 
lingt, die Hände will ich mir übers Feuer halten und mir die Augen ausstechen. 
Ihr Geister des Winds, pfeift euren lustigsten Tanz allen sprungfreudigen 
Flammeûteufeln ! Herauf mit Euch, ihr Fackelträger Rostophins! Ihr ge¬ 
köpften, gehängten, geräderten Mordseelen, alle, nur auf ein Stündchen 
leistet mir Beistand ! Schlitzt die Schläuche, ruft Aufruhr, Mord und Brand 
durch die Gassen ! Folgt mir nur immer, ich will führen den fröhlichen Reigen. 
Und wenn getan das große Werk, will ich singen ein neronisch Lied und 
sterben. Kennt ihr ein neronisch Lied? Nicht? Das müßt Ihr lesen. 
Großartig wie es sich für einen Nero ziemt. Ich rede von meinem Nero. 
Ein Cäsar wäre ich sehr gerne gewesen, an Größenwahn hätte es mir nicht 
gefehlt, auch etliche Laster hatten mich dazu prädisponiert. Und so ein¬ 
fältig bin ich nicht, daß ich nicht hätte ein großes Reich regieren können. 
Meine Fehler und meine Vorzüge hätten sich dann in monumentaler Größe 
gezeigt. Ich hätte gewiß Geschichte gemacht. Für andere mag es aber besser 
gewesen sein, daß ich nicht ein Cäsar war, sondern ein Schulmeister.“ 
Wagner fährt dann fort, mitzuteilen, daß er den Nero 1907 
geschrieben habe, weil er sich schon damals in die Rolle des Brand¬ 
stifters hineindachte. Er habe ihn wie seine anderen Werke auf 
eigene Kosten drucken lassen, weil er keinen Verleger gefunden 
habe. 
,,Nero ist übrigens noch unbekannt. Jetzt werdet ihr ihn begierig 
lesen, denn es ist was schönes um einen rechten Brand.“ ,,Die Schriftstellerei 
habe ich schon frühzeitig angefangeii, bin aber weder zu Ruhm noch zu Geld, 
ja nicht einmal zum Druck gelangt. Ich habe aber schon einmal ausge¬ 
sprochen, daß ich eben zu den ganz Großen gehöre, die erst ,,entdeckt“ 
werden, wenn sie tot sind. 21 Jahre war ich alt, als ich den Teufel totschlug. 
Kein Mensch hat mir das gedankt, ja nicht einmal rühmen durfte ich mich 
meiner Tat. Der Zorn des Konsistoriums hätte mich treffen können. Das 
sagte mir auch der Verleger, bei dem ich mein Opus I anbringen wollte. Er 
sagte mir auch, das, was ich da auf 150 Seiten mühsam zusammengeklaubt, 
das sei seit Jahrhunderten in dickleibigen Büchern ganz gelehrt abgehandelt 
worden; aber die Menschen wollten sich ihren Teufel nicht nehmen lassen, 
und es sei ganz gut so.“ 
Wagner teilt mit, daß er die Druckkosten hätte selbst bezahlen 
müssen und da habe er sich tief verletzt und schweigend zurück¬ 
gezogen. Er berichtet ferner von seinen Heinestudien; er habe 
in Heine weniger den Lyriker als den Satiriker geschätzt, der seinen 
eigenen radikalen Instinkten entgegengekommen sei. Er habe 
ihm die rechte Lektüre für seine eigene Zerrissenheit geboten. 
,,Wenn die Sturmwinde sich an den Felsenzacken zerfleischten, wenn 
die Wasser in überschäumender Vernichtungslust hoch aufspritzten, dann 
Verbrechertypen. I. Bd., 3. Heft. 4
        

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