Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/45/
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Der Fall Wagner. 
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ners unheimlich rasches Biertrinken und die dann sich bei ihm 
vollziehende Umwandlung, wie er dann zum Gottesleugner wurde, 
alles verhöhnte und verspottete, sich unfehlbar, alles wissend, den 
Gescheitesten nannte, die anderen als beschränkt und dumm 
ansah. Bei diesem Größenwahn habe ihm dann kein anständiger 
Mensch mehr zuhören können. Hauptlehrer B. in B. bezeichnet 
Wagner als kollegial, ehrlich, aufrichtig, exzentrisch, mit einem an 
Größenwahn grenzenden Selbstbewußtsein ; er habe etwas Faszi¬ 
nierendes an sich gehabt, sei ein leidenschaftlicher Spieler und 
Leser gewesen, habe blutrünstige Dramen geschrieben und viel 
trinken können. Gegen seine Frau sei er, nach deren eigener Aus¬ 
sage, kalt und abstoßend gewesen. Einmal habe er ein junges 
Mädchen vor vielen Personen und in Gegenwart seiner eigenen 
Frau in den Arm genommen und geküßt. Auf den Vorhalt seiner 
Frau sei die Antwort erfolgt: „Ich mag Dich nicht, ich hab’ Dich 
nicht wollen und ich kann Dich auch nicht leiden. Man sei 
damals allgemein darüber entsetzt gewesen (1906). Dieser Vorfall 
wird von Lehrer T. bestätigt. Manchmal habe Wagner unver¬ 
ständliche Äußerungen getan: 
„Ich könnte jetzt die ganze Welt umbringen. Kalten Blutes 
könnte ich einen Menschen abschlachten.“ 
Hauptlehrer D. in C„ der Wagner 1903 in Radelstetten kennen 
lernte, schildert Wagners Charakter, seine materialistische Lebens¬ 
anschauung, seine Negierung alles Religiösen, seine Schweigsam¬ 
keit in nüchternem, seine Redseligkeit in angeheitertem Zustande, 
in dem er dann auch schlüpfrige und gemeine Reden habe führen 
können, seine nur zu große Nachsicht gegen die Kinder, seine Selbst¬ 
überhebung als Dichter, seine Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, seine 
Verabscheuung der Lüge. Er habe nichts Schlechtes über die 
Menschen geredet. „In Degerloch besuchten wir die Familie einige 
Male und er und seine Frau waren jedesmal in der fröhlichsten 
Stimmung. Sie waren ganz glücklich über die angenehme und 
schöne Stelle in Degerloch.“ Die Schwägerin Wagners berichtet 
von einer häuslichen Szene in Radelstetten im Jahr 1910» wobei 
Wagner nachts betrunken heimgekommen und seine Frau und die 
beiden Knaben aus dem Bett geworfen habe. Sie habe damals 
geäußert, sie hätte nicht gedacht, daß Wagner so sein könne. 
Sonst sei er aber immer ziemlich ruhig gewesen, habe nicht viel 
gesprochen, nichts Auffälliges im Wesen gezeigt. Aus der Zeugen-
        

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