Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/41/
227] 
Der Fall Wagner. 
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Trinker sei er nicht gewesen, vielmehr habe er rasch einige Glas 
Bier hinuntergestürzt, wodurch eine innere Erregung zum Aus¬ 
druck gekommen sei. Dann habe er sich für den größten Dramatiker 
erklärt, davon gesprochen, er werde mit einem Schlage ein großer 
Mann werden, man werde ihm nach seinem Tode noch ein Denkmal 
setzen. Mit dem Urteil über anerkannte Dichter und Schriftsteller 
sei er rasch fertig gewesen ; dabei habe er sich mit ihnen nur ziemlich 
oberflächlich beschäftigt. Von sittlichen Verfehlungen des Wagner 
sei ihm nichts bekannt geworden; er hätte es sicher erfahren, 
wenn in der Gegend so etwas über Wagner gesprochen worden 
wäre. Durch Adlerwirt B. in Sch. erfahren wir, daß Wagner, 
wenn er abends im Wirtshaus saß, manchmal 5—6, aber auch 
8—10, ja selbst 12—13 Schoppen Bier habe trinken können; dann 
habe er von Gott und dem Teufel gesprochen, an die er beide nicht 
glaubte, von den Frauenzimmern, auf die er nicht viel gehalten 
habe, und von seinen Dichtereien. Einmal habe er geäußert, er 
gehe noch elend zugrunde, ein anderes Mal, als B. ihn in seiner 
Betrunkenheit unter der Türe stützte, er sei ein „großer Lump“ 
und werde „als Lump sterben“. Pfarrer W., der Wagners Selbst¬ 
überschätzung ebenfalls kannte, äußert sich: „Ich habe mir oft 
Gedanken darüber gemacht, wie es ihm bei dieser Eingenommen¬ 
heit von sich selbst noch gehen werde.“ Die Famüie Wagners 
habe einen guten Eindruck gemacht; von ihm selbst habe er sagen 
hören, er trinke hier und da ein Glas zuviel und spotte dann über 
die Religion. Durch die Zeugenaussage des Hauptlehrers Ha. 
erfahren wir einiges Genaueres über das Verhältnis Wagners zu 
seiner Frau. Frau Ha. habe seiner Zeit Wagner zugeredet, es 
wäre nicht recht, wenn er das Mädchen Anna S. mit seinem Kinde 
sitzen lassen würde. Doch glaubte Frau Ha., Wagner würde, wenn 
er nur das Geld gehabt hätte, sein Kind wegbezahlt haben. Frau 
Wagner soll damals zu Frau Ha. gesagt haben, sie habe ihrem 
Mann früher gedroht, sie springe in den Neckar, wenn er sie nicht 
heirate. Wagner habe viel Nietzsche studiert. Frau Ha. erinnert 
sich der Bemerkung von ihm, wenn er einmal genug habe, jage er 
sich eine Kugel durch den Kopf. In den ersten Jahren seines Radel- 
stetter Aufenthaltes habe Wagner stets den Eindruck eines unzu¬ 
friedenen, mit seinem Schicksal unausgesöhnten Menschen gemacht.. 
In den letzten Jahren sei dies besser geworden, er habe zufriedener 
geschienen und auch gelegentlich entsprechende Äußerungen getan,
        

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