Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/239/
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Kasuistik des Massenmords. 
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Ausführliche und gute Beschreibung der Persönlichkeit des Täters. 
Annähernd taubstumm, hochgradig schwachsinnig, kann nicht lesen 
und schreiben, aber manuell geschickt. Dabei störrisch, rechthaberisch, 
mißtrauisch, empfindlich, nachtragend und rachsüchtig. Später 
sexuell sehr appetent. Wie es scheint, auch Verstimmungen. Lernt 
— trotz der Warnung des Schulmeisters! — das Schlächterhandwerk. 
Die Tat wird in einer offenbaren Verstimmung verübt. Er fällt an 
dem Tage auf, man weiß nicht, ob er betrunken oder ,,verrückt" ist 
(das erstere erweist sich als unwahrscheinlich), er ist stumm, geladen 
und brütet vor sich hin. Aus diesem Zustande heraus schneidet er 
plötzlich ohne unmittelbare Veranlassung der Magd den Hals durch, 
ersticht seine Schwägerin, rennt dann in die Wohnung des Schullehrers, 
geht auch auf ihn mit dem Schlachtmesser los und ersticht die ihren 
Vater verteidigende Tochter des Lehrers; ihn selbst verwundet er nur 
schwer. Danach begibt er sich in ein anderes Haus, bringt sich eine 
schwere Wunde am Halse bei und wird gefangen. Motiv: die Magd habe 
ihn nicht heiraten wollen, die Schwägerin habe auf ihn geschimpft, 
der Lehrer habe gesagt, man müsse ihn forttun. Die Tat ist unmittel¬ 
bar Ausfluß der abnormen Veranlagung des taubstummen, mit epilep¬ 
toiden Zügen behafteten Idioten. G. wird in dem ausführlichen und 
gründlichen Gutachten als unzurechnungsfähig bezeichnet. Er wird 
in einer Irrenanstalt interniert. 
98. v. Krafft-Ebing, Schwere Verletzung der Mutter und der Frau, wahr¬ 
scheinlich in transitorischer Geistesstörung a potu. Friedreichs 
Blätter für gerichtliche Medizin. 35. 1884. S. 372. 
Ein 50 Jahre alter Mann, betrunken und schlafend, wird von seiner 
Mutter angerufen. Er erhebt sich, geht auf die Mutter los, bringt ihr 
zwei Stiche bei, wendet sich dann gegen die Frau, schneidet sie mit 
dem Rasiermesser in Hals und Hinterkopf, küßt die Bewußtlose und 
schießt sich unmittelbar danach mit einer nur mit Pulver geladenen 
Pistole gegen das Kinn. Keine Erinnerung an die Tat. 
Schwerer Gewohnheitstrinker mit Neigung zu Gewalttätigkeiten im 
Rausche. Pathologischer Rausch wird von den Gutachtern angenommen. 
99. Lombroso, Der Soldat Misdea. Gemütsblödsinn und epileptischer Zorn. 
Das Tribunal, Zeitschrift für praktische Strafrechtspflege. 1. 1885. S. 129. 
Bei einer Streiterei in einer italienischen Kaserne gerät der Soldat M. 
über eine vermeintliche Beleidigung seiner Landsleute in Wut. Er 
sammelt seine und anderer Soldaten Patronen, und als sich die Kame¬ 
raden zu Bett begeben haben, fängt er plötzlich an, zu feuern. Er 
gibt 52 Schüsse ab, trifft 13 Personen und tötet davon 7. Die Analyse 
des eigenartigen Menschen, die Lombroso gibt, ist sehr ausführlich 
und ist ein sehr instruktives Beispiel für seine Beschreibung des ge¬ 
borenen Verbrechers, dessen Züge seiner Meinung nach in dem vorliegen¬ 
den Falle durch die Kombination mit Epilepsie besonders verschärft 
hervortreten. 
Hans W. Gruhle. Albrecht Wetzel.
        

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