Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/20/
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Der Fall Wagner. 
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Familie. Von io Kindern starb die älteste Tochter mit 30 Jahren 
als verheiratete Frau in Gr. Der älteste Bruder lebt als ver¬ 
heirateter Flaschner in E., das dritte Kind ging unverheiratet nach 
Amerika und starb dort. Das vierte Kind ist nur 1 Jahr alt 
geworden, das fünfte, eine Tochter, ist mit einem Beamten in Z. 
verheiratet, das sechste, eine Tochter, lebt unverheiratet in B. ; 
das siebente, achte und zehnte Kind sind ganz klein gestorben; 
der Angeschuldigte selbst ist das neunte Kind. Es sind also von 
den 10 Kindern heute nur noch 4 am Leben. Von den Eltern des 
Angeschuldigten ist nicht viel zu ermitteln gewesen. Der Vater 
starb, als der Angeschuldigte 2 Jahre alt war, im September 1876, 
die Mutter im Dezember 1902, ersterer an Gesichtsrose, letztere an 
Herz- oder Gehirnschlag. Von seinem Vater schrieb der Angeschul¬ 
digte im ersten Teil seiner Selbstbiographie im Oktober 1909: 
,,Meinen Vater habe ich nicht gekannt, er starb, wie ich 2 Jahre alt 
war. Wenig ist es, was ich von ihm gehört habe; aber dieses Wenige war 
nicht geeignet, ein Musterbild von ihm entstehen zu lassen. Meine Mutter 
meinte, es sei gut, daß er gestorben sei. Ich habe ihn oft verflucht darum, 
daß er mich in die Welt gesetzt hat. Damit man ihm aber nicht zu viel ins 
Schuldbuch schreibt, indem man vom Apfel auf den Stamm schließt, will 
ich bemerken, daß man meinem Vater nichts weiter nachsagte als etwa: 
,Wagners Jakob ist ein eingebildeter, unzufriedener Mensch, der besser täte, 
seinem Bauern werk nachzugehen, als hinter dem Bierglas zu hocken/ Es 
mag nun jeder beurteilen, ob das bei mir zutrifft.“ 
Von der Mutter wissen wir aus den Akten Einiges. Sie 
scheint eine leichtsinnige Frau gewesen zu sein, die nach dem Tode 
des Mannes sehr bald mit anderen Personen in geschlechtlichen 
Verkehr trat, im Februar 1879, a^so schon 5 Monate nach ihres 
Mannes Tod, einen Bauern B. heiratete, obgleich sie damals von 
einem verheirateten Bahn wart P. in E. schwanger war. Noch mit 
einem anderen, einem Wirt T., scheint sie in jener Zeit Geschlechts¬ 
verkehr gehabt zu haben; T. gab diesen selbst für die Monate 
November und Dezember 1878 zu. B. focht schon im März 1880 
die Ehe an; es kam zunächst zu einem Vergleich, dann aber, im 
Januar 1881, zur Ehescheidung wegen Ehebruchs der Frau. Die 
Ehescheidungsakten enthalten die Mitteilung, die Frau sei damals, 
als ihr zweiter Mann B. sie verstossen wollte, eine Zeitlang sehr 
niedergeschlagen gewesen und habe sich das Leben nehmen wollen. 
Als aber B. ihr dann verziehen hatte, scheint sie mit T. wieder 
verkehrt zu haben. Nach der Ehescheidung lebte die Mutter des
        

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