Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/197/
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Der Fall Wagner. 
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Aber es ist doch keine Kleinigkeit, Weib und Kinder umzu¬ 
bringen. Seit 6 Jahren ist mein steter Gedanke Mord. Er erwachte 
mit mir und legte sich nieder mit mir. Er störte mich bei meiner 
Arbeit und ängstigte mich in meinen Träumen. Wer hat so oft 
wie ich Beil und Dolch zu Bettgenossen gehabt? Aber ich war 
ein schwacher Mensch. 
Daß ich meine Familie töten muß, ist klar. Wer das nicht 
versteht, mit dem rechte ich nicht. Die gemeinen Menschen, die 
mich gequält haben, möchten natürlich mit ihren zweideutigen 
und spitzen Reden auch noch meine Kinder quälen. Nur ihre 
Feigheit legte ihrer Gemeinheit Zügel an. 
Und nun sollte ich ungerächt hingehen ! Es ist mir ein schreck¬ 
licher Gedanke, daß ein unglücklicher Zufall mein Rachewerk ver¬ 
hindern könnte. In meinem ganzen Leben habe ich kein Glück 
gehabt. 
Ich glaube an keinen Gott. Aber hätte ich diesen Glauben, 
auf den Knien wollte ich rutschen und diesen Gott anflehen, daß 
er mich morden lasse, den Teufel wollte ich anflehen, jeden Hund 
wollte ich anflehen, wenn ich Beistand von ihm zu erwarten hätte. 
Und als der Wunder größtes wollte ich es ansehen, wenn 
mir in der Nacht des Mordes alle diejenigen vor die Pistole gestellt 
würden, die zu hassen ich am meisten Grund habe. Nicht bloß 
töten, martern wollte ich sie, unmenschlich tierisch — da ich nun 
einmal ein Tier bin —, tierisch martern wollte ich sie. Und wenn 
dieses Wunders Bedingung auch die wäre, daß ich ganz derselben 
Marter unterworfen würde. Ein ganzes Hundert dieser elenden 
Wichte wollte ich aushalten, denn ich bin an die Marter gewöhnt. 
Nicht vergessen will ich aber auch, dankbar derer zu gedenken, 
die gut zu mir gewesen sind und mir Freundlichkeit erwiesen 
haben, selbst dann noch, als sie wußten, wie es mit mir stand. 
Ich habe mich ihnen gegenüber sehr reserviert verhalten, weil ich 
nicht wollte, daß durch mich ein Schatten auf sie fiel. 
Zum Schluß gestatte ich es mir, meiner selbst freundlich zu 
gedenken und folgendes Urteil über mich zu fällen: Wenn ich 
das Geschlechtliche in meinem Leben abziehe, so bin ich von allen 
Menschen, die ich kenne, weitaus der beste gewesen/4 
Der Brief an die Lehrerschaft schließt mit den Worten: ,,Eure 
Tränen kann ich ablehnen wie der Heüand, denn ich bin erlöst.
        

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