Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/196/
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Der Fall Wagner. 
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geboren den n. Dezember 1907, endlich Rudolf Alfred, geboren 
den 9. Juli 1909. Letzterer ist schon nach 2 Monaten gestorben, 
die anderen 4 sind am 4. September 1913 ermordet. 
Bevor Wagner seine Taten ausführte, hatte er eine Anzahl 
von Vorkehrungen getroffen und auch verschiedene Briefe ge¬ 
schrieben, die bei den Akten gesammelt sind. Für das Verständnis 
seiner Handlungen sind von besonderem Interesse die Briefe an 
die Redaktion des Neuen Tageblattes vom 4. September 1913, an 
seinen Freund, den Hauptlehrer H. vom 26. August 1913, an die 
Familie S. (ohne Datum), an seine Schwester Luise (ohne Datum) 
und an seine Schwester Pauline vom 28. August 1913- Der Redak¬ 
tion des Neuen Tageblattes übersandte er 2 Erklärungen, die erste 
überschrieb er „An mein Volk“, die zweite „An die Lehrerschaft“. 
In der erstgedachten Erklärung heißt es: „Es ist des Volkes viel zu 
viel, die Hälfte sollte man gleich totschlagen. Sie ist das Futter 
nicht wert, weil sie schlechten Leibes ist. Von allen Erzeugnissen 
des Menschen ist ausgerechnet der Mensch das schlechteste. Hielte 
mich nicht das eigene Jammerbild davon ab, so würde ich euch 
sagen, wie sehr mich vor all diesen häßlichen, kümmerlichen, siechen 
Menschen ekelt. 
Woher kommt das Elend? Das, meine ich, kann euch niemand 
besser sagen als ich. Es kommt her von der geschlechtlichen Un¬ 
natur. Das heutige Geschlecht leidet am Geschlecht. Es ist ein 
billiger Spaß, mit dem Finger auf mich zu deuten; jeder von euch 
täte besser, er gedächte seiner eigenen Sauerei. 
Ich habe viel leiden müssen. Ich bin verspottet und gehetzt 
worden von gemeinen Menschen. Ich könnte von einer abgrund¬ 
tiefen Niedertracht der Menschen erzählen, wenn ich nicht glaubte, 
daß ich mich selber dabei nur blamierte. 
Wem habe ich Übles getan? Es soll der auftreten, dem ich 
zu Schaden gelebt habe. 
Aber ihr nehmet Anstoß an meiner Sünde? Oh der Lüge! 
Die allergrößte Freude hat sie euch bereitet. Das war ein Fressen 
für euern schmutzigen Rüssel. 
Anstoß habe nur ich daran genommen. Ich habe mich zum 
Tode verurteilt. Ich habe das Urteil nicht vollzogen, weil ich ein 
schwacher Mensch war. Heute kann ich sagen, daß mir der Tod 
kein Grauen mehr einflößt, ich bin gesättigt mit Qual, ich fürchte 
nichts mehr, wie ich nichts mehr erhoffe. 
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