Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/185/
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Der Fall Wagner. 
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Sie haben mich ganz zerbrochen“), darf nicht überschätzt werden. 
Der Haß gegen sein Geschick verblieb ihm auch dann und wird 
ihm verbleiben, mag nun dieses Geschick mehr die Gestalt seiner 
vermeintlichen Feinde in Mühlhausen, Radelstetten usw. oder 
des unfaßbaren, über den Menschen waltenden „Schicksals“ tragen1). 
Dauernd und pathologisch fixiert ist eben der Zwang, sich verfolgt 
zu fühlen. ö 
Diese krankhafte Gemütsanlage, dieser Zwang, sich ver¬ 
folgt zu fühlen, ist es auch, der bei Wagner heute noch keine 
menschlich begreifliche Stellungnahme zu seinen Verbrechen er¬ 
möglicht. Als er nach Tübingen kam, wußte ich nichts von ihm, 
als ,was die Zeitungen gebracht hatten. Ich hatte mir danach 
noch kein bestimmtes Urteil gebildet. Ich erwartete einen furcht¬ 
baren Gewaltmenschen von tierischer Brutalität, hatte deshalb 
besondere Schutzmaßregeln getroffen, um auch einem solchen 
die Entweichung und die Gefährdung anderer Menschen unmöglich 
zu machen. Als er am n. November unmittelbar nach seiner 
Ankunft hier in mein Untersuchungszimmer geführt wurde, da sah 
ich sofort, daß ich von ganz falschen Voraussetzungen ausgegangen 
war. Ein ernster, gramgebeugter Mann in würdiger Haltung 
trat mir entgegen, höflich, bereit, sich in alles zu fügen, in seinem 
ganzen Benehmen ein gebildeter Mensch. Die Art, wie er sein Schick¬ 
sal erzählte, die Notwendigkeit seines Handelns begründete, wie 
er nur leidenschaftlich aufloderte, als er von seiner Sodomie und 
von den darob erduldeten Qualen in den letzten 12 Jahren sprach, 
wie er ferner die Verweigerung mancher Wünsche ruhig und be¬ 
scheiden hinnahm, wie er auch bedauerte, mir so viel Arbeit und 
Mühe machen zu müssen, wie er sich beim Abschied bedankte, 
daß man versucht habe, ihn zu verstehen, und daß man ihn mit 
Rücksicht behandelt habe — all dies zeigte mit voller Klarheit, 
daß hier kein roher und brutaler Verbrecher, sondern ein geistes¬ 
kranker Mensch als Opfer seines furchtbaren Wahnes 
zu furchtbaren Handlungen gekommen ist. 
) Am 25. Februar 1914 schrieb er aus der Heilanstalt Winnenthal 
an mich.......„Ich will dabei gleich hinzusetzen, daß ich von Allem, 
was ich gesagt habe, kein Wörtlein zurücknehme, daß ich heute noch 
genau so denke, wie ich in Heilbronn, Tübingen, Straßburg gedacht 
......halte meine Sache noch keineswegs für abgeschlossen.“ 
W. bat gleichzeitig um Einsicht in mein Gutachten.
        

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