Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/177/
176 
Der Fall Wagner. 
[362 
sie seinem Tagebuch an, er verarbeitet sie in seinen Dichtungen. 
Ich verweise vor allem auf den Nazarener, dessen große Schlußrede 
in ihren wichtigsten Teilen oben wiedergegeben wurde. 
Die Übersiedelung nach Degerloch bedeutet nur äußerlich 
einen Abschnitt in Wagners Leben. Innerlich hat sich in seinem 
Denken und Fühlen damit nichts Wesentliches geändert. Zwar 
schien es anfänglich, als ob die Zerstreuung, die ein häufiger Auf¬ 
enthalt im großstädtischen Stuttgart mit sich brachte, ferner das 
freiere Leben in größeren Verhältnissen, in denen der einzelne mehr 
sich selbst überlassen ist, günstig zu wirken vermöchte. Allein 
die Wirkung war von kurzer Dauer. Genau so wie in Radelstetten 
fühlte sich Wagner auch in Degerloch bald wieder als der Aus¬ 
gestoßene, der durch seine sittliche Untat die Menschheit geschändet 
habe, dessen einzige Aufgabe sei, aus der Welt zu gehen. Lawinen¬ 
artig wuchs angesichts des Schönen, was das Leben dem Unbe¬ 
scholtenen zu bieten vermag, in Wagner Gram und Wut über sich 
selbst, über die Stätte seiner Tat und über die Verhöhnung seiner 
Mitmenschen. Und mit seinem Leid wuchs die Einschätzung seines, 
an sich längst verjährten, sittlichen Vergehens; was er vor langen 
Jahren getan hat, das galt ihm nun schlimmer als Mord und Tot¬ 
schlag; er hatte sich am Heiligsten, an der Natur, für ewig versündigt. 
Und so predigt er in seinen „Stuttgarter Spaziergängen“ die Rück¬ 
kehr zur gesunden Natur, die Ausmerzung aller Kranken und Schwa¬ 
chen, den Fluch über alles sexuell Abnorme, die Notwendigkeit, 
durch eine Vernichtung vieler Millionen von Menschen den Starken 
und Gesunden Licht und Luft zu schaffen. Immer mehr verändern 
diese zum Teil grandiosen Phantasien seine Abwertung des einzelnen 
Menschenlebens; es wird ihm angesichts der allgemeinen Mensch- 
heitsfragen zur Kleinigkeit. 
In Degerloch merkte Wagner schon nach kurzer Zeit an seiner 
Umgebung Anzeichen, daß seine Sodomie auch dort bekannt 
geworden sei. Er zweifelte nun nicht mehr, daß damit für ein 
Heimlichbleiben seiner Sünde in einzelnen stillen Dörfern die letzte 
Möglichkeit geschwunden sei. Diese Erkenntnis ist es wohl gewesen, 
die dann schließlich den Mordplan zur Ausführung brachte. In 
ganz unzweideutiger Weise beweist der dritte Teü seiner Biographie, 
dessen Schluß erst kurz vor die Mordtaten fällt, daß ihm die Ver¬ 
nichtung seiner selbst und seiner ganzen Familie die 
Hauptsache war. Sie war für ihn eine Notwendigkeit, gegen
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.