Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/175/
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Der Fall Wagner. 
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der nun wieder mit erneuter Stärke in ihm auf lodert. Wir wissen 
aus späteren Schilderungen, daß er damals sich oft nur mühsam 
zurückgehalten hat, einem seiner vermeintlichen Spötter mit der 
Faust ins Gesicht zu schlagen oder gar ihn niederzuschießen. Daß 
er dies schließlich nicht tat, hatte in letzter Linie seine Ursache darin, 
daß allmählich bei ihm ein weit größerer Racheplan Gestalt gewonnen 
hatte. Wir kennen diesen Racheplan aus dem ersten Teil seiner 
Biographie. Er wollte schon damals das Dorf Mühlhausen und 
alle seine männlichen Einwohner zerstören, seine Familie töten 
und sich zuletzt selbst erschießen. Im Sommer 1909 stand dieser 
Plan bis in alle Einzelheiten fest ausgearbeitet vor seiner Seele. 
Er schreckte vor seiner Ausführung zurück. Um sich selbst anzu¬ 
feuern, berauschte er sich in wilden Phantasiespielen an der Größe 
seiner Aufgabe, die sich ihm schon damals zur großen ,,Mission4 
zum hohen „Lebenswerk“ ausweitet. In dieser Stimmung ist Anfang 
und Schluß des ersten Teiles seiner Lebensbeschreibung verfaßt. 
Mit guten Waffen hatte er sich ausgestattet, im Walde hatte 
er sich im Schießen geübt, ein Fahrrad hatte er sich angeschafft, 
Dolch und Totschläger lagen bereit, um die Familie so still töten 
zu können, daß er nach dieser Tat noch die Zeit fände, seinen Mord¬ 
plan in Mühlhausen zur Ausführung zu bringen. Aber immer wieder 
schauderte ihm vor der Ausführung. Mit erschütternder Tragik 
erzählte er mir, wie oft er nachts am Bett seiner Kinder gestanden 
habe, um sie zu ermorden, wie er aber immer wieder an der Unmög¬ 
lichkeit dieser Tat scheiterte. 
So wächst ihm allmählich sein Leben zu einer unerträglichen 
Qual; das Leiden Christi erscheint ihm klein neben dem seinigen, 
er bricht in die wilden Worte aus: „Ich bitt euch, nehmt den Naza¬ 
rener vom Kreuz und heftet mich daran, ich bin das fleischgewordene 
Leiden. Ja, wenn ich an das Opferlamm zu Golgatha denke, so 
kann ich nur lächeln“. Und ein andermal: „Bei mir ist das ganze 
Jahr Karfreitag und wo ich wandle, ist Golgatha“. 
Die folgenden Jahre bis zum Mai 1912 befestigen immer mehr 
Wagners unumstößliche Überzeugung, daß er verhöhnt, verfolgt, 
wie ein wildes Tier gehetzt, von allen Seiten mit Feinden umstellt 
sei. Wohl versucht sein kritischer Geist in etwas ruhigeren Stunden 
zu prüfen, ob denn seine Vermutungen auch eindeutig seien. Die 
Tatsache, daß er noch im Amt bleibt, daß man ihn als Lehrer der 
Kinder im Dorf weiterwirken läßt, in dem das, was Einer weiß,
        

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