Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/153/
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Der Fall Wagner. 
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Auf meine Frage, ob der Spott und Hohn, die Anspielungen 
und Beschuldigungen, die er glaube vernommen zu haben, seine 
sittlichen Verfehlungen vergröbert oder vergrößert haben, verneint 
er dies. Schließlich lehnte er aber doch bis zuletzt mit 
größter Bestimmtheit ab, daß er sich in Mühlhausen 
völlig getäuscht haben könnte. Es habe sich nicht bloß um 
vage Vermutungen gehandelt: 
O nein, so ist die Sache nicht. (Entrüstet.) Das ist es eben, daß 
ich meinen Namen und das Delikt nie ganz genau im Zusammenhang gehört 
habe. Aber ich habe meinen Namen gehört und habe tuscheln hören und ic i 
habe dann eben angenommen, die reden das leise zueinander. 
Ich' Sie haben doch einmal in Ihren Schriften gesagt: Wo zwei zu¬ 
sammenstanden, wurde über mich geredet. Ist das wirklich so? 
Wagner: Das ist natürlich nicht so gerade wörtlich gemeint, als ob 
es immer so gewesen wäre, aber ich glaube, daß Zeiten da waren, wo ich 
das wichtigste Gespräch war, in Mühlhausen und m Radelstetten . . . 
Herr Professor, Sie dürfen annehmen, daß meine Unterlagen viel cesser 
sind Ich habe doch auch Zeiten gehabt, wo ich mich so umstel t 
glaubte; dann habe ich mich auch der bestimmten Vorfälle er¬ 
innert und ich habe sie dann drehen wollen und ihnen die aller¬ 
zufälligste Deutung geben wollen — ich bin eben immer wieder 
darauf gekommen, es kann sich um nichts anderes gehande 
haben“ . . . Aber ich will den Schmutz nicht aufrühren. 
Auf meinen Einwand, dann möge er wenigstens die anstän¬ 
digeren Reden, die er über sich gehört habe, mitteilen, fährt Wagner 
fort: 
Ja, aber damit wäre wieder gar nichts getan, da würden Sie sagen, 
das sind'keine Beweise. Aber so einfach ist die Sache doch nicht, als ob ich 
in jedem Fall, wenn ich habe zwei zusammenstehen sehen, gleich auf mic 
geschlossen hätte. 
Ich erinnere ihn wieder an seinen Irrtum im Falle Ho. Ei 
antwortete darauf: 
Wenn ich an so einen Fall denke, wie mit Herrn Ho., da könnte ich 
verrückt werden. 
Auf meine Frage, ob denn seine anderen Beweise am Ende 
gerade so anfechtbar seien, erwidert er: 
Nein, ich glaube, daß ich Beweise habe, die weit besser sind als dieser. 
(Dann, mit dem Ausdruck der Verzweiflung und der innersten Qual): Ich 
weiß nicht, ob es einem Menschen furchtbarer gemacht werden 
kann, als mir. (Sich mit finsterer Miene zusammenraffend): Was für 
mich übrig bleibt, das heißt Hartwerden.
        

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