Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/145/
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Der Fall Wagner. 
gebe ihm nicht die Hand, 
sagte dann aber: 
Wagner war schmerzlich betroffen, 
Ihr versteht mich eben alle nicht. 
Der Neffe machte ihm mit erregter Stimme Vorhalt darüber, 
daß er durch seine furchtbaren Taten die ganze Familie in Unglück 
und Schande gestoßen habe, und frug ihn, ob er denn diese fuicht- 
baren Taten nicht bereue. Wagner erwiderte: 
Ich kann sie nicht bereuen, es hat alles so sein müssen. Ich habe die 
Meinen aus Mitleid umgebracht; ich hätte Deine Mutter (gemeint ist die 
Stiefmutter des Neffen, die ebenfalls eine Schwester Wagners ist) auch gerne 
getötet, aber das konnte ich ja nicht tun. 
Als der Neffe auf diese Äußerung mit Entrüstung reagierte, 
sagte Wagner wiederum, mit leiser, resignierter Stimme. 
Ihr versteht mich eben gar nicht. 
Dann (nach einer kurzen Pause zu seinem Neffen gewandt): 
Ich habe Dich lange nicht mehr gesehen. Ich habe Dich immer 
gerne gehabt. Was hast Du denn gedacht, als Du hörtest, daß ich hier m 
der Klinik sei? Du darfst daraus keine falschen Schlüsse ziehen. Ich bin 
völlig gesund. Und sage dies auch draußen allen, ich sei nicht geisteskrank 
und nehme die Verantwortung für meine Taten auf mich. Aber ich habe 
so handeln müssen, wie ich getan habe. 
Als der Neffe sich von ihm verabschiedet und dabei sagt, 
daß sie sich im Leben nie mehr Wiedersehen werden, bittet ihn 
Wagner mit weicher Stimme, ihm doch zum letzten Abschied 
noch einmal die Hand zu reichen. Nach einigem Zögern tut dies 
der Neffe, worauf Wagner ihm gerührt nachschaut. Einige Stunden 
später erzählt er dem Abteilungsarzt, er habe diesen Neffen immer 
sehr gern gehabt, er sei ein guter und tüchtiger Mann. Dann 
bittet er, man möge keinen Besuch mehr zu ihm lassen; es rege 
ihn zu sehr auf. 
Am ii. Dezember hatte ich in einer langen Unterredung zu¬ 
nächst an seine Äußerung gegenüber seinem Neffen angeknüpft, 
er empfinde keine Reue. Er sagte, wenn er sich so ausgesprochen 
habe, so habe er eben damit gemeint, daß er immer noch im 
Glauben sei, verhöhnt und verfolgt worden zu sein: 
Ich habe mir eben gesagt, du kannst nicht gehen, ohne daß du dich 
gerächt hast; die Leute müssen merken, daß ich mich nicht straflos treten 
lasse. 
Im weiteren Verlauf des Gesprächs sah ich immer deut¬ 
licher, daß Wagner wieder von Neuem sich in den Wahn
        

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