Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/142/
Der Fall Wagner. 
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Ich: Hat Wagner auch manchmal gemütlich schwäbisch gesprochen? 
Ho.: Ganz so nicht, er ist immer ein bischen hochdeutsch gewesen. 
Ich: Hat Wagner Züge von Grausamkeit geboten? 
Wagner: Du wirst, Ho., nie an mir bemerkt haben, daß ich eine grau¬ 
same Natur bin. 
Ho. bestätigt dies durchaus. Wagner habe keine Taube umbringen 
wollen und können. Wenn man sie ihm nicht geschlachtet habe, hätte er sie 
lieber fliegen lassen, als sie behalten. 
Ich: Erschien Ihnen Wagner als Egoist? 
Ho.: Das kann ich nicht sagen; mir gegenüber in keiner Weise. 
Im Lauf der weiteren Unterredung, deren Detail weniger wichtig ist, 
wiederholt Wagner, zu Ho. gewandt: Ich habe schon vorher angenommen, 
daß Ihr es wüßtet und seit jenem Tage habe ich es ganz bestimmt ange¬ 
nommen. Ich habe droben schreckliche Stunden erlebt, schreckliche Tage. 
Ho. wiederholt: Die Radelstetter und Scharenstetter sagen, sie können 
es nicht begreifen. 
Wagner, mit Tränen in den Augen: Ich kann’s auch nicht begreifen. 
(Dabei macht er eine ratlose Bewegung mit den Armen und weint.) Dann, 
noch einmal auf die Verfolgungen zurückkommend, sagt Wagner: Ich habe 
gedacht, es sei hauptsächlich durch die Schäfer hinauf getragen worden. 
(Dann voller Bitterkeit) : Wie perfid mit mir umgegangen wird ! Da muß ich 
jetzt selbst das Werkzeug gewesen sein, daß meine sittlichen Verfehlungen 
herauskommen ! 
Der Abschied der beiden Lehrer voneinander stimmte Wagner 
sehr weich; er dankte Ho., Tränen in den Augen; dann schritt er, 
sich aufraffend, langsam, aber in aufrechter Haltung wieder in 
sein Zimmer hinüber. Später wurde er sehr nachdenklich und 
bedrückt gefunden. Er hatte sich auf sein Bett geworfen und lange 
geweint. Er erwiderte mir auf meine Frage, ob er jetzt davon 
überzeugt sei, daß seine Freunde und überhaupt die Radelstetter 
von seinen Delikten keine Kenntnis hatten: Ja, jetztseierüber- 
zeugt; aber das Schicksal habe furchtbar mit ihm gespielt. 
Tags darauf gab er mir an, er habe eine schlechte Nacht gehabt. 
Er war erst um 3 Uhr morgens eingeschlafen. Im Verlaufe des 
Tages weinte er eine Zeitlang. Immer schwerer wurde es ihm 
die entschlossene und selbstsichere Haltung zu bewahren. Und 
meine Frage, ob es sich vielleicht nicht mit Mühlhausen ebenso 
verhalten könnte, wie mit Radelstetten, erfuhr nicht mehr die 
kategorische Verneinung wie früher. Als ich ihm in Erinnerung 
brachte, daß Ho. von seinem Wahn gesprochen habe, sagte er 
scheu : 
,,Wahn nennt man vieles. Ich nenne das Irrtum.“
        

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