Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/141/
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Der Fall Wagner. 
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schon lange“. Ach, wenn ich doch noch eine zweite Frage getan hätte, dann 
wäre ich so frohgemut nach Radelstetten hinuntergepilgert . . . Ich bin 
der Meinung gewesen, Du, S. und die anderen Freunde würden die Radelstetter 
veranlassen, darüber nicht zu sprechen ... Wie die Leute erfahren haben, 
daß ich fort will, habe ich gemerkt, daß es anders wurde. 
Ho.: Die Radelstetter haben nie höher geschworen als auf 
Wagner. 
Ich: Was dachten Sie bei der Lektüre des Nero? 
Ho.: Den habe ich gelesen, habe mir aber nichts Besonderes dabei 
gedacht. 
Wagner: Ich habe oft gedacht, man könnte es merken, Ihr würdet in 
meiner Seele lesen; aber dann dachte ich, den Gedanken, zu morden, den 
trauen sie dir doch nicht zu. 
Ich: Hat Wagner viel Unfreundliches über Mühlhausen gesagt? 
Ho.: Nein. Über den Schwiegervater eher: ,,Ich komme eben nicht 
aus mit ihm“. 
Ich: Über das Dorf? 
Ho.: Auch nicht. Ich (zu Ho.): Hatten Sie von Wagners Haß gegen 
Mühlhausen eine Ahnung? 
Ho.: Gar keine. Wagner hat nie etwas Besonderes gesagt. 
Ich: Hat Wagner von anderen Lehrerstellen mehr erzählt als von Mühl¬ 
hausen? 
Ho.: Auch nicht. 
Wagner (mit weicher, schmerzlicher Stimme, seinen alten Freund fast 
zärtlich betrachtend) : Ho., es wird Dir arg peinlich sein, aussagen zu müssen, 
ich bedauere es. 
Ich: Wurde Wagner als Dichter von anderen geschmeichelt? 
Ho.: Ich habe gesagt: „Wagner das ist nichts“, S. hat gesagt, es hat 
keinen Wert, aber er hatte es eben mehr als sein Steckenpferd angesehen; 
er hat ihn nicht bestärkt. 
Ich: Hat der Alkohol stark auf Wagner gewirkt? 
Ho. : Das ist der Fall. Wein hat er aber überhaupt nicht getrunken, 
sondern nur Bier. 
Ich: Wagner stellte sich als Dichter neben Schiller und Goethe? 
Ho.: Bloß in der Bierlaune, nüchtern hat er überhaupt kaum über 
seine Dichtungen gesprochen. Getrunken hat er rasch und auch viel, bis 
zu 13 Schoppen, war aber kein regelmäßiger Trinker; anfangs war er öfters 
im Wirtshaus, später weniger. 
Ich (zu Wagner) : Warum gingen Sie trotz der Spötterei ins Wirtshaus ? 
Wagner : Ich sagte mir eben, leben mußt du, so lange mußt du eben 
mittun, bis Schluß ist. 
Ho. (auf Frage meinerseits) : Er hat von seinen Sachen zu reden ange¬ 
fangen, wenn er 5, 6 Glas Bier getrunken hatte und dann sprach er genau 
das, was im „Aufruf an mein Volk“ stand; das waren die 3 Punkte, die er 
immer bei uns breitgeschlagen hat.
        

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