Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/119/
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Der Fall Wagner. 
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Gewissensbisse empfand, mich schämte und auch eine Verhaftung wegen 
derselben befürchtete. Das war schon in Mühlhausen so, aber auch in den 
ersten Jahren in Radelstetten. Übrigens gehen die Selbstmordge¬ 
danken schon weit in meine Kindheit zurück, in der ich oftmals 
furchtbar deprimiert war, ohne eigentlich einen Grund zu wissen. 
Verhaften hätte ich mich nicht lassen; ich habe aber oft geradezu gewünscht, 
es möchte soweit kommen, damit ich gezwungen wäre, meinem Leben ein 
Ende zu bereiten. Mit den Selbstmordgedanken habe ich frühzeitig den 
Gedanken verbunden, mein Kind Klara und später meine Kinder mit in den 
Tod zu nehmen, um sie nicht der Verachtung der Menschen wegen der Ver¬ 
fehlungen ihres Vaters preiszugeben. Daran, auch meine Frau zu töten, 
habe ich erst viel später gedacht, weil meine Kinder mir viel näher standen, 
als meine Frau. Auf Mühlhausen habe ich meine Mordgedanken ausgedehnt, 
weil dort die Verfehlungen passiert sind. Es ist ja einfältig, das sage ich mir 
immer wieder, den Häusern und Einwohnern von Mühlhausen eine Schuld 
an meinen Verfehlungen beizumessen, die mir doch allein zur Last fallen. 
Aber so ist eben der Mensch; er ärgert sich ja schon über die 
Stätten, wo er gefehlt hat. Auf diese Weise sind meine Haß- und Rache¬ 
gedanken gegen Mühlhausen entstanden. Ich habe vieles erwogen : ob ich 
im Recht sei, ob denn die Leute etwas verbrochen hätten. Aber ich bin eben 
ein schwacher Mensch, ich kann nichts anderes sagen. Freilich, wenn ich 
nicht an die üble Nachrede und deren Umfang fest geglaubt 
hätte, so wäre es zum Mord weder gegen meine Familie noch 
in Mühlhausen gekommen. In Mühlhausen haben mich lediglich 
Haß- und Rachegedanken geleitet. Wenn ich gelegentlich davon 
gesprochen habe, ich habe auch dort aus Mitleid getötet, so habe ich mir 
dies wohl mehr zu meiner Selbstberuhigung und Selbstbetäubung zurecht¬ 
gelegt". . . . ,,Es sind mir überhaupt wohl keinerlei Erwägungen und Ge¬ 
fühle femgeblieben in den langen Jahren, in denen ich meinen Plan mit mir 
herumgetragen habe. In meinen Dramen sollte jeder Recht haben. Denn 
die Menschen handeln verschieden. Aber jeder handelt so, wie er handeln 
muß. Das ist meine Weltanschauung. Das Handeln des Menschen fließt 
aus seinem Sein; so wenig er für sein Sein kann, kann er für sein Handeln/' 
,,Ich habe ja auch in meinen Briefen und Schriften an vielen Stellen ausge¬ 
sprochen, daß der Mensch gelebt werde, daß jeder von seinen Schicksals¬ 
fäden gezogen werde, daß alles vorbestimmt sei und daß ich daher jede 
Schuld negiere. Mit dieser Anschauung will ich mich aber dem Gerichte 
gegenüber nicht etwa der Verantwortung entziehen. Glauben Sie indessen 
ja nicht, daß ich mich heute weniger dünke als vor der Tat. Der, der Nadel¬ 
stiche versetzt durch seine Reden, ist vor meinen Augen ein viel größerer 
Mörder als ich. Das sagen auch andere, z. B. Christus in Matthäi 5. Jedoch 
noch einmal: So klar bin ich immer, daß ich weiß, daß das Gericht sich darauf 
nicht einlassen kann; ich will nichts beschönigen; meines Kopfes wegen rede 
ich kein Wort. Nur vor mir selber lastet der Mord meiner Familie 
nicht auf mir. Faßt mich auch das Grauen, wenn ich an die Ausführung 
zurückdenke, so fasse ich dann alle meine Vernunft zusammen und sage 
mir, daß diese Tat mich nicht belasten kann". . . . ,,Aber all das,
        

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