Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/116/
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Der Fall Wagner. 
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Mühlhausen wollte ich gleichsam erkenntlich machen, wie groß mein eigenes 
Leiden gewesen ist“ . . . ,,Nachdem ich meinen Plan alle die Jahre hindurch 
mit mir herumgetragen hatte, war die Erregung abgeschwächt, der Weg 
lag gleichsam eben vor mir.“ 
Über die Mordnacht in Degerloch gab er dann bei seiner Ver¬ 
nehmung am 17. Oktober eine eingehende Schilderung, wovon nur 
einiges hier angeführt werden soll: 
„In der Nacht vom 3. zum 4. September ds. Js. habe ich natürlich 
keinen Augenblick geschlafen, wie schon die Nächte zuvor auch nicht. Ich 
hatte überhaupt die letzten Jahre einen miserablen Schlaf. In der Nacht 
vom 3. zum 4. und ebenso mindestens die drei Nächte vorher habe ich, wenn 
ich die Uhr schlagen hörte, mir immer vorgestellt, wo ich jetzt wäre, wenn 
die Ermordung meiner Familie bereits hinter mir läge; ich habe gedacht, 
jetzt würdest du den Draht durchfeilen, jetzt wärest du unten in Mühlhausen 
und würdest zünden, jetzt stiegest du die Steige hinauf, jetzt wärest du bei 
deinem Bruder in Egolsheim usw.“ 
In eingehender Weise schilderte Wagner sodann dem Richter 
die Ausführung der Tat in Degerloch, die Fahrt auf dem Rad 
nach Ludwigsburg und Bietigheim und Mühlhausen, wobei er 
gelegentlich auf eine Frage des Richters angab: 
„Ich war nie fest in den Nerven, ich litt eben an Neurasthenie. Zur 
Zeit bin ich natürlich auch sehr nervös; das ist eine Folge der Anstrengungen 
des Mords und der Operation.“ 
Sodann ist wichtig seine Angabe vom 23. Oktober: 
„Ich habe mir in den letzten Tagen vor Ausführung der Tat hin und 
her überlegt, ob ich in Mühlhausen unterscheiden soll zwischen Per¬ 
sonen, von denen ich bestimmt weiß, daß sie mir keine üble 
Nachrede bereitet haben, und anderen Personen oder nicht. 
Ich erwähne in ersterer Richtung z. B. den Gemeindepfleger S., den Mühlen¬ 
besitzer Z., den Briefboten H., der mich am Morgen nach der Tat auf dem 
Rathaus — ich war bis heute der Meinung, dorthin verbracht worden zu sein 
— aufgesucht und mir eine Standrede gehalten, mich auch beschimpft hat, 
dem ich dies aber nicht weiter nachgetragen habe, und den Friedrich G., 
einen Nachbarn des Schulhauses, den ich dann erschossen, hiebei freilich 
nicht erkannt habe. Ich überlegte mir so: wenn ich hinterher jemanden er¬ 
schieße, zu dem ich vorher freundlich gewesen bin, so stände ich als Heuchler 
da. Ich habe mich jedoch schließlich dahin entschlossen, alles in Bausch 
und Bogen zu nehmen. Einmal war eine Unterscheidung im Augenblick 
der Ausführung nicht gut möglich ; dann aber hätte ein Zögern in mein ganzes 
Vorgehen eine Unsicherheit und eine Unentschiedenheit gebracht. Dabei 
ist auch zu bedenken, daß vielleicht gerade die Leute, die ich geschont hätte, 
mich niedergeschlagen hätten. Es ist vielleicht lächerlich: ich habe mir 
eben gedacht, wenn du je eine der genannten Personen erschießt, so schlägst 
du sie eben auf die andere Seite herüber; du hast ja auch deine eigene Familie
        

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