Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Zur Psychologie des Massenmords: Hauptlehrer Wagner von Degerloch; eine kriminalpsychologische und psychiatrische Studie / von Robert Gaupp
Person:
Gaupp, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39653/10/
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Der Fall Wagner. 
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Armen und am linken Daumen Verletzungen hatte, ist zu schließen, 
daß sie Abwehrbewegungen ausgeführt hat ; ob mit oder ohne Be¬ 
wußtsein, war nicht festzustellen. Wagner selbst versichert, daß 
sie gestorben sei, ohne zum Bewußtsein gekommen zu sein. Die 
Lage, in der die Leiche gefunden wurde (das linke Bein hing über 
den Bettrand heraus), gestattet kein sicheres Urteü darüber, ob 
etwa irgend ein Kampf stattgefunden hat. Doch liegt für mich 
kein Grund vor, den Angaben Wagners irgend zu mißtrauen. Nur 
mit Nachthemd und Socken bekleidet, ging er sodann — ich folge 
hier immer seiner eigenen Schilderung — mit dem Dolche in der 
Hand zunächst in das Schlafzimmer seiner beiden Knaben Robert 
und Richard, die er durch mehrere schwere Lungen-, Herz- und 
Halswunden tötete. Aus dem Obduktionsprotokoll geht hervor, 
daß auch hier ein rasches Ende durch Verbluten eingetreten sein 
muß. Dann ging er durch die Küche hindurch in das Schlafzimmer 
seiner beiden Töchter Klara und Elsa und tötete auch diese durch 
Stiche in das Herz und den Hals, die den raschen Tod unzweifelhaft 
zur Folge hatten. Ob die in den Akten sich findende Annahme, 
daß die ältere Tochter Klara Wagner beim Empfang der schweren 
Wunden bei Bewußtsein war, zutrifft, mag dahingestellt bleiben. 
Auch ein in tiefem Schlaf Befindlicher macht Abwehrbewegungen, 
wenn man ihm plötzlich starken Schmerz zufügt. Die anfängliche 
Äußerung Wagners, er habe auch bei den Kindern oder einem 
der Kinder vor dem Dolch den Totschläger zur Betäubung an¬ 
gewandt, hat er später selbst als unsicher bezeichnet; bestimmt 
wisse er nur, daß er seine Frau vor dem Totstechen betäubt habe, 
um ihr jeden Widerstand unmöglich zu machen. Den Leichnamen 
zog Wagner die Bettdecke (er hatte sämtliche Familienglieder in 
ihrem Bett liegend während ihres Schlafes ermordet) über Gesicht 
und Körper. So wurden sie am Vormittag des 5- September durch 
die Polizeibeamten auch tatsächlich vorgefunden. Das blutige 
Nachthemd warf Wagner in sein eigenes Bett, wo man es bei der 
Besichtigung der Wohnung vorfand. Dann wusch er sich, kleidete 
sich an, ließ den Dolch in einer Schublade des Vertikows liegen, 
ohne ihn vom Blute zu reinigen, holte sich seine 3 Schußwaffen, 
seine reichliche Munition von über 500 Patronen und die Eisen- 
’ kloben (s. unten) aus dem höher gelegenen Mansardenzimmer, 
nahm einen seiner Frau gehörigen schwarzen Schleier, einen 
Leibriemen, eine Mütze, einen Ausschnitt aus einer schwäbischen
        

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