Bauhaus-Universität Weimar

Die Kunst, 
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dies Wirklichkeit ist. Natürlich braucht, wer den Ge¬ 
danken der Nichtwirklichkeit eines Gegenstandes nicht 
denkt, deshalb nicht auch schon an dessen Wirklichkeit 
zu glauben. Es bleibt eben das Wirklichkeitsdenken, 
gleichviel ob positiv oder negativ, überhaupt gänzlich aus 
dem Spiel. Dann kann aber auch von Täuschung keine 
Rede mehr sein.*) 
Eine ähnlich ausgedehnte aber ebenso unwesentliche, 
zufällige Rolle wie die Illusion spielt auch die Nach¬ 
ahmung in der Kunst. Die ästhetisch wirksamen Gegen¬ 
stände der Kunst entstammen der menschlichen Phantasie. 
Es ist nun psychisch begründet und psychologisch ver¬ 
ständlich, daß diese Phantasiearbeit in gewisser Beziehung 
von den Wahrnehmungen des durch Natur und Leben 
Vorgegebenen immer mehr oder weniger abhängig sein 
muß. Die Qualität, der Inhalt des Phantasierten ist bis 
zu gewissem Grade durch Qualität und Inhalt des Wahr- 
*) Es muß freilich bemerkt werden, daß es neben dem (posi¬ 
tiven oder negativen) Denken von Wirklichkeit, dem Urteilen, auch 
noch ein (positives und negatives) Phantasiedenken, Fiktionsdenken, 
das Annehmen gibt (vgl. S. in), das mit der Wirklichkeit gar nichts 
zu tun hat. Dieses ,,Annehmen“ ist nach den Erkenntnissen der 
Psychologie die einzig mögliche und zulässige psychologische Ka- 
tegoiie, unter welche sich die „bewußte Selbsttäuschung“, die 
„künstlerische Illusion“ subsumieren ließe. Sie ist auch tatsächlich 
fast ausnahmslos am Kunstgenuß beteiligt. Aber die Annahmen 
sind, wie sich schon im II. Kapitel gezeigt hat, nicht Voraussetzung 
des ästhetischen Genußgefühls, sondern die Vorstellungen sind es. 
In bloße Vorstellungen läßt sich jedoch eine Täuschung, sei sie 
nun eine bewußte oder unbewußte, wie Conrad Lange es mit seinen 
beiden alternierenden Vorstellungsreihen zu tun meint, niemals auf- 
lösen; dazu sind immer Urteile oder Annahmen erforderlich.
        

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