Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Über das optische Formgefühl. Ein Beitrag zur Ästhetik
Person:
Vischer, Robert
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/image/lit39646/54/
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immer ein Ansatz zur Vergeistigung, zum Gefühle enthalten ist. Man 
könnte sagen: das ist eine Degradirung der menschlichen Existenz; 
aber doch liegt in diesem sinnlichen Stillleben eine solche Unendlich¬ 
keit geistiger Anlage und Vorbereitung, dass von selbst die idealsten 
Seelenregungen anschiessen. Besonders gegenüber solchen zuständlichen 
Antiken ist uns oft zu Muthe, als ob wir die ersten naturwüchsigen 
Menschen schauten, wie sie soeben vom Herrgott geschaffen worden; 
noch feucht vom Nichtsein, .unkundig noch des Lebens und doch dun¬ 
kel hingenommen von einem Erinnern, als ob das Alles schon einmal 
empfunden und erlebt worden sei. 
Das Princip dieser organischen Lebenspotenzirung ist immer die 
Wahrheit der Realität, ob sie nun auf eine allgemeine, gattungsmässige 
Wirkung, oder auf eine individuelle Besonderung derselben ausgeht. 
Immer wählt sie den positiven Kern zum Ausgangspunkt, immer gibt 
sie die lebendige Wärme einer treibenden Existenz. Das Innere kommt 
hier rein im Aeussern zum Austrag, weil es wie dieses sinnlich genom¬ 
men ist. 
Der Grundcharakter dieser Potenzirung ist Ruhe ; sie frägt nur 
nach dem unwillkürlichen Habitus der Raumerfüllung, nach der brü¬ 
tenden Zuständlichkeit. Allerdings kann auch die Bewegung ästhetisch 
lediglich als eine durch die statischen Körperverhältnisse streng gebun¬ 
dene Raumerfüllung aufgefasst und insofern organistisch, d. h. als eine 
harmonische Kraft betrachtet werden. Man sollte aber festhalten, dass 
es sich hier um die Gestalt an sich, abgesehen von einer äusseren Al¬ 
teration, handelt. Durch die Bewegung treten einzelne Formen und 
Kräfte einseitig heraus und pointiren so ablenkend auf einen äusserlichen 
Zweck, auf ein Anderes. Es gibt keinen schlimmeren Feind für die 
Thätigkeit, welche wir Organisirung nennen möchten, für die ange¬ 
strebte Darstellung einer sinnlich-concreten, selbständigen Lebensharmo¬ 
nie als den schielenden, zerstreuenden Reiz.
        

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